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Montag, 5. März 2018

Unter den kalifornischen Riesenbäumen

Der Calavéras-Hain der Mammutbäume, mit dessen stolzen grünen Hallen ich den Leser gern bekannt machen möchte, ist eins der sehenswertesten Naturwunder in Kalifornien; aber nur selten entschließt sich einer von den hier lebenden Deutschen, jene Baumriesen, deren photographische Abbildungen jedermann in San Francisko bekannt sind, einmal in Wirklichkeit zu schauen, denn die recht unangenehme Reise dorthin schreckt die meisten davon zurück.



Ich selbst muß zu meiner Schande gestehen, daß ich erst nach einem Aufenthalte von länger als dreißig Jahren an der pacifischen Küste mich dazu entschloß, einen solchen Ausflug zu untermehmen. Aber wahrlich, die anstrengende Reise hat mich nicht gereut! Ich zähle die sechs Wochen, während deren mir der Calavéras-Hain so bekannt wurde wie meine Wohnung in San Francisko, mit zu den angenehmsten meines vielbewegten Lebens.

Eine Eisenbahnfahrt von 122 engl. Meilen (197 km) brachte mich rasch nach dem Städtchen Milton im San Joaquin-Thale. Nach einer weiteren außerordentlich unbequemen Fahrt von 48 engl. Meilen (75 km) in einer Postkutsche uralten Stils erreichte ich am folgenden Mittag das „Mammoth Grove Hotel“, das in östlicher Richtung von San Francisko im Gebirgszuge der Sierra Nevada 4730 Fuß (1442 m) über dem Meere und ganz in der Nähe der Mammutbäume liegt. Ich will mich nun zunächst bemühen, dem Leser eine möglichst klare Darstellung von dem Wissenswertesten zu geben, was sich auf die kalifornischen Riesenbäume bezieht. Den darin eingeflochtenen Längenangaben ist der amerikanische Fuß zu Grunde gelegt, der 0304 m mißt, so daß auf 1 m also 3,28 dieser Fuß kommen.

Der Calavéras-Hain (Calaveras Geove) wurde im Jahre 1852 von dem Bärenjäger A. T. Dowd zufällig entdeckt. Als dieser von einem längeren Jagdausfluge zurückkehrte, erzählte er mit Begeisterung seinen Genossen in dem Minenlager bei Murphy’s von den Riesenbäumen, die er entdeckt hatte, und forderte jene auf, mit ihm zu gehen, um dieselben gleichfalls in Augenschein zu nehmen. Er wurde aber als ein ganz kolossaler Aufschneider verlacht. Da niemand Lust verspürte, ihn zu begleiten, so redete er nicht mehr von den Riesenbäumen, streifte, wie er zu thun pflegte, in der Umgegend umher und verkündete dann eines Abends am Lagerfeuer, er habe oben im Gebirge den größten Grizzly (grauen Bären) erlegt, den er je gesehen. Seine Freunde mochten ihm doch behilflich sein, am nächsten Tage den selten Braten zu holen.

Hiergegen hatte selbstverständlich niemand etwas einzuwenden. Als nun die Gesellschaft nach einem mühseligen Marsche von 15 Meilen durch den Urwald endlich bei dem ersten Riesenbaum anlangte, sagte Dowd zu seinen Freunden, dies sei der Grizzly, den er ihnen zeigen wollte. Beim Anblick des über 300 Fuß hohen und etwa 30 Fuß dicken Baumes verziehen sie ihm die Jagdgeschichte, und Dowds Name wird heute in Calavéras County zusammen mit dem des Kolumbus als Entdecker rühmend genannt.

In Kalifornien wurden im Laufe der Jahre 10 Gruppen von Mammutbäumen entdeckt, sämtlich in der Sierra Nevada Die bekanntesten darunter sind neben dem Calavéras-Hain der 6 engl. Meilen südöstlich von demselben liegende Süd-Hain (South Grove) und der Mariposa-Hain in der Nähe des Yosemitethales. Aber nur beim Calavéras-Hain befindet sich ein Gasthaus in unmittelbarer Nähe der Riesenbäume, die man von dort in aller Muße besuchen kann. Der Name Hain (Grove) ist etwas seltsam gewählt. Es ist nicht ein abgesonderter Hain, sondern in jedem Fall ein ansehnliches Stück Urwald, in welchem die Riesenbäume zwischen anderen viel zahlreicheren Bäumen zerstreut dastehen. Diese sind vorwiegend Zuckerfichten (sugar pine – Pinus Lambertiana – die Fichte, aus deren Harz der Fichtenzucker, pinit, bereitet wird), nebst zwei Arten von Gelbfichten (yellow pine), drei Arten von Silberföhren (fir), dann Douglaßtannen (red spruce) und Weißcedern (Libocedrus decurrens) – eine Art Lebensbaum).

Alle diese Bäume erreichen eine ungewöhnliche Größe. Die Zuckerfichten namentlich sind wahre Prachtbäume, und einzelne derselben haben einen Durchmesser von 9 bis 11 Fuß, bei einer Hohe von 225 bis 275 Fuß. Der Boden ist fast überall dicht mit Gebüsch bewachsen. Diese sogenannten Haine liegen meilenweit (zwei derselben 40 engl. Meilen) voneinander entfernt, und zwischen denselben dehnen sich, unmittelbar anschließend, prächtige Waldungen aus, in denen nicht ein einziger Mammutbaum zu finden ist.

Ein englischer Botaniker mit Namen Lobb, der im Jahre 1853 im Auftrage der Royal Exotic Nursery in Chelsea als Pflanzensammler nach Kalifornien reiste und bei dieser Gelegenheit auch den kurz zuvor entdeckten Calavéras-Hain besuchte, meinte, daß die Riesenbäume eine ganz neue Art seien, und gab ihnen den Namen Wellingtonia gigantea. Es stellte sich aber bald heraus, daß dieselben zum Geschlecht der Rotholzbäume gehören die den botanischen Namen Sequoia sempervirens führen. Sequoia, oder Sequojah, ist der Name eines Häuptlings der Cherokesen, der ein Alphabet von 86 Buchstaben, von denen jeder eine Silbe vorstellt, ersann und als Schriftsprache bei seinem Volke einführte. Um den erfinderischen Häuptling zu ehren, gab der berühmte Botaniker Stephan Ladislaus Endlicher (geb. in Preßburg 1804; gest. 1849) den prächtigen Rotholzbäumen, die den Waldbestand des kalifornischen Küstengebirges und der an den Ocean grenzenden Landschaften nördlich vom Goldenen Thor bilden, den Namen Sequoia sempervirens und den Riesenbäumen in der Sierra, die zu demselben Geschlecht gehören, wurde späterhin der Name Sequoia gigantea gegeben.

Dieser Name gilt jetzt überall in der Welt, mit Ausnahme Englands. Die Engländer halten mit erprobtem Starrsinn an dem Namen Wellingtonia fest, und sie können es heute noch nicht verwinden, daß ein Indianer dem Sieger von Waterloo den Rang abgelaufen hat. In Kalifornien sind neben dem Namen Sequoias die Bezeichnungen Mammot threes und Big trees d. h. „Mammutbäume“ und „Große Bäume“ – „Riesenbäume“, im Volksmunde üblich.

Das Alter der kalifornischen Riesenbäume muß nach Jahrtausenden berechnet werden, wobei man annimmt, daß jeder von den sich im Stamm zeigenden konzentrischen Ringen das Wachstum eines Jahres andeutet. Trotz der Einwürfe einzelner Botaniker gegen diese Art der Altersbestimmung sehen wir uns doch nach wie vor auf dieselbe als Mittel annähernd richtiger Schätzung verwiesen Die Entfernung dieser Ringe voneinander ist aber sehr ungleich, namentlich zwischen den inneren und äußeren Ringen. Während in seltenen Fällen nur 6 bis 8 Ringe auf einen Zoll gezählt werden, findet man bei anderen sehr alten Bäumen bis zu 40 Ringe auf den Zoll. Mehr oder minder reicher Boden, größerer oder geringerer Regenniederschlag, die das Wachstum der Bäume beeinflussen, sind wahrscheinlich die Ursache davon. Bei mehreren umgefallenen uralten [228] Sequoias im Mariposa-Hain zählte man 34 Ringe auf den Zoll. Als Durchschnittszahl rechnet man 24 Ringe auf einen Zoll.

Der von Dowd zuerst entdeckte Riesenbaum wurde später gefällt. Der Durchmesser seines Stumpfes, ohne die Rinde, beträgt genau 25 Fuß. Die Hälfte vom Durchmesser ist also 12 ½ Fuß = 150 Zoll, was, 24 Jahresringe auf den Zoll gerechnet, diesem Baum ein Alter von 3600 Jahren geben würde. Prof. Bradley von der kalifornischen Staatsuniversität in Berkeley zählte an jenen Baumstumpf nur 3300 Ringe, aber es ist ein Irrtum beim Zählen der so eng beisammen liegenden Ringe nur schwer zu vermeiden. Ein Riesenbaum von 30 Fuß im Durchmesser, deren es eine Menge giebt, hat also nach dieser Berechnung ein Alter von 4320 Jahren.

Die größte Sequoia im Calavéras-Hain ist ein schon vor Jahrhunderten entwurzelter Koloß, der den Namen „Der Vater des Waldes“ führt. Derselbe hat am unteren Stamm, ohne die längst abgefallene Rinde, einen Umfang von 110 Fuß, und sein Durchmesser beträgt also ungefähr 37 Fuß. Das Alter dieses Baumkolosses muß, als er hinstürzte, nach dieser Berechnung 5328 Jahre gewesen sein – sagen wir rund 5000 Jahre, da es auf ein paar hundert Jahre mehr oder weniger bei diesen Riesenbäumen wohl nicht ankommt. Daß die meisten alten Sequoias noch im Wachsen begriffen sind, geht deutlich aus den an ihnen befestigten Namenstafeln hervor. Wenn die Nägel, mit denen jene Steintafeln an den Stämmen befestigt wurden, bis in das feste Holz drangen, so zerbrachen die Tafeln durch das Ausdehnen und Wachsen des Baumes, haben die Nägel ihren Halt nur in der weichen Rinde, so und die Tafeln unversehrt geblieben.

Der Grund und Boden in der Sierra Nevada, auf welchem die Sequoias zu stolzer Hohe emporwuchsen, ist merkwürdig gestaltet. Unter einer 4 bis 10 Fuß starken Erdschicht breitet sich daselbst ein Lavabett von 22 Fuß Mächtigkeit aus. Dieses war selbstverständlich lange vor den Riesenbäumen vorhanden, da sich erst die Erdschicht darüber bilden mußte, um jenen die Möglichkeit des Wachstums zu geben. Wann der ungeheure vulkanische Ausbruch stattfand, der sich bis nach British Columbia erstreckte, das entzieht sich aller Berechnung. Unter dem Lavabett liegen Moränen, und tief unter diesen stößt man auf das Bett eines gewaltigen Flusses, der vor Jahrtausenden von Norden nach Süden strömte. Der. Kies dieses Urweltflusses ist reich an Gold. Das uralte Flußbett hat man durch Schachte und Tunnel an vielen Stellen, die Hunderte von englischen Meilen voneinander entfernt liegen, erfolgreich sozusagen angebohrt, und jene sogenannten „Tiefen Kles-Minen“ (Deep Gravel Mines) sind heute die reichsten Goldminen in Kalifornien, aus denen bereits ungezählte Millionen zu Tage gefördert wurden.

Beim Graben und Sprengen der 1000 Fuß tiefen Schachte hat man unter jener Lavadecke öfters Knochen von Mastodons gefunden. Ein Minenarbeiter mit Namen Madison fand im Jahre 1864 beim Bohren eines Schachts in den Goldquarzminen bei Angels (20 englische Meilen vom Calavéras-Hain) einen Schädel – 150 Fuß unter dem Lavabett! Madison leistete einen beglaubigten Eid vor Gericht, daß es sich so verhielt, weil die Methodisten den alle biblischen Ueberlieferungen über den Haufen werfenden Fund aufs heftigste bestritten. Der ungewöhnlich große Schädel wurde später nach Chicago gebracht; was aus ihm geworden ist, habe ich nicht in Erfahrung bringen können. Am Stanislausflusse entdeckte man auch indianische Werkzeuge zu verschiedenen Malen unter der Lavaschicht. Man ist also wohl berechtigt anzunehmen, daß Mastodons und Indianer lange vor Adam dort, wo heute die Riesensequoias stehen, ein fröhliches Dasein gefeiert haben.[1]

Eine merkwürdige Erscheinung ist, daß alle alten Sequoias angebrannt und viele derselben durch Feuer arg beschädigt sind, während die anderen ganz in ihrer Nähe stehenden Bäume gar keine Brandmale zeigen. Die Glut einer brennenden Sequoia ist aber infolge ihrer harzigen Bestandteile ganz ungeheuer, und es war mir lange Zeit unbegreiflich, wie die benachbarten Bäume unversehrt geblieben sein konnten. Als im Jahre 1856 der Riesenbaum „The old Maid“ („Die alte Jungfer“ – die seitdem umgeweht und in hundert Stücke zertrümmert wurde) durch Unvorsichtigkeit von Arbeitern, die im Wald ihr Frühstück kochten, in Brand geriet, war die Glut so furchtbar, daß sich niemand dem brennenden Baumkoloß bis auf 50 Schritt zu nähern vermochte.

Alle benachbarten Bäume wurden angesengt. Nach der, wie mir scheint, ganz richtigen Ansicht des Herrn Sperry muß ein furchtbarer Waldbrand, der seine Spuren an allen alten Sequoias zurückgelassen hat, spätestens vor 1000 Jahren hier gewütet haben. Neben dem durch Feuer schrecklich zugerichteten Riesenbaum „Die Hütte des Pioniers“ steht z. B. eine prachtvolle neun Fuß dicke Zuckerfichte, die nicht die geringsten Brandmale zeigt und ungefähr 1000 Jahre alt ist. Diese Fichte stand jedenfalls noch nicht dort, als der große Waldbrand sich ereignete, der folgerichtig stattgefunden haben muß, bevor sie emporsproßte. Wahrscheinlich hat sich derselbe damals gleichzeitig über den ganzen Westabhang der Sierra Nevada erstreckt, denn die anderen Haine der Riesensequoias und genau so wie der Calavéras-Hain vom Feuer verheert worden. Vielleicht und diese Haine nur die Ueberreste eines uralten Waldstandes von Sequoias, der einst die ganze Sierra bedeckt hat.



„Die Mutter des Waldes“.

An vielen Sequoias ist nur die Rinde zum Teil fortgebrannt oder durch Feuer beschädigt worden, und die gesunden Teile derselben wachsen wieder über die alten Brandwunden. Dieses geschieht aber außerordentlich [229] langsam. Während der 40 Jahre, die Herr Sperry in Calavéras verbracht hat, ist die Rinde nur wenige Zoll über solche Brandwunden gewachsen; aber an manchen Bäumen sind diese doch schon ganz geschlossen. Dagegen gähnen an anderen Baumriesen große schwarze Brandlöcher, und viele Bäume sind bis ins Mark ganz jämmerlich ausgebrannt.



„Der Vater des Waldes“.

Daß die Mammutbäume im Aussterben begriffen sind, wie schon öfters behauptet wurde, ist ein verzeihlicher Irrtum, der dadurch entstanden ist, daß man sowohl im Mariposa- wie im Calavéras-Hain fast gar keine jungen Sequoias gewahrt. Die ganz kleinen Bäume sehen von den herangewachsenen so verschieden aus, daß man sie nur schwer unter den jungen Fichten und Cedern zu erkennen vermag. Dennoch giebt es im Calavéras-Hain nahezu hundert junge Sequoias von 10 bis 40 Fuß Höhe, von denen ich aber nicht mehr als ein halbes Dutzend zu entdecken vermochte. Die Zweige der jungen Bäume reichen fast bis an den Boden und fallen später ab, und erst nach einigen hundert Jahren nehmen die Stämme die gewaltige Säulenform und rotbraune Färbung an, die sie vor allen anderen Bäumen auszeichnen.

Die Hauptursache, weshalb im Verhältnis zu den anderen Bäumen so wenige junge Sequoias zu finden sind, ist wohl die, daß der Boden in diesen Hainen mit abgefallenen Zweigen, Nadeln und Laubwerk tief bedeckt ist, in welchem der Samen der Sequoias nicht gut keimen kann. Die jungen Bäume und Bäumchen findet man nur dort, wo der Boden schwarz und feucht und ziemlich rein ist. Im Süd-Hain brannte vor einigen Jahren eine mit Buschwerk dicht bestandene Bodenstrecke ab, und es wurden die Blätter dort gründlich zerstört. Dort sproßte bald eine Menge junger Sequoias empor, so dicht wie die Fichten anderswo. Im Calavéras-Hain giebt es 93 alte Sequoias, von denen 10 eine Dicke von 30 und mehr als 70 eine Dicke von 15 bis 25 Fuß umd darüber haben. Während im Mariposa-Hain die Kronen der meisten Mammutbäume durch Stürme arg beschädigt wurden, ist dies im Calavéras-Hain fast gar nicht der Fall, was seinen Grund in der mehr geschützten Lage dieses Haines in einer Thalsenkung zwischen dem Stanislaus- und dem San Antonioflusse hat.

Die frischen grünen und ganz festen Samenzapfen der Sequoias findet man im Sommer tagtäglich unter den Bäumen liegen. Sie sind merkwürdig klein, von der Größe von Walnüssen bis doppelt oder dreifach so groß, aber mehr länglich. Neben den anderthalb Fuß langen weit geöffneten Riesenzapfen der Zuckerfichten, die massenhaft überall am Boden liegen, sehen die Zapfen der Sequoias zwerghaft aus. Sie werden, wenn der Wind sie nicht abweht, von Eichhörnchen oben an den Aesten abgebissen, und diese Tierchen nagen dieselben dann am Boden an und naschen von dem Samen, den sie sehr lieben. Die abgefallenen grünen Zapfen trocknen und öffnen sich in etwa vierzehn Tagen, und es fallen dann die Samenblättchen, die etwa so groß wie Leinsamen sind, mit 1/10 kleineren Keimen darin, von selbst heraus. Ich habe mir durch Sammeln und Trocknen der Zapfen Samen genug für einen kleinen Urwald verschafft. In früheren Jahren bezahlten die Engländer Herrn Sperry 50 Dollars für ein Pfund dieses Samens, und jener trocknete die Zapfen massenweise auf Tuchgestellen beim Feuer. Jetzt hat dieser Handel fast ganz aufgehört, denn es giebt in England bereits eine Menge von jungen Sequoias oder Wellingtonias, wie unsere transatlantischen Vettern diese Bäume weiter zu nennen belieben. In den Grafschaften Kent, Devon, Gloucester und Sussex gedeihen dieselben ausgezeichnet. Auch in Kalifornien wurden mit Erfolg in verschiedenen Baumschulen Sequoias aus Samen gezogen. Die Riesenbäume waren schon zur Tertiärzeit vorhanden. Es befinden sich Versteinerungen ihrer Zweige und Zapfen im Britishen Museum, und man hat solche auch im Calavéras-Hain gefunden.



Der Pavillon im Calavéras-Hain.

Ich bitte nunmehr den Leser, mich im Geiste auf einem Spaziergang durch den Calavéras-Hain zu begleiten, der etwa fünfzig Acker bedeckt. Wir treten durch das Thor eines weißen Gitterzaunes auf seinen offenen grünen Vorhof, und ein aus brauner Borke gebildeter Pfad führt uns bereits nach hundert Schritten an den Saum des Waldes, wo ein halbes Dutzend rotbrauner Baumkolosse in zwei Gruppen zwischen prächtigen [230] Zuckerfichten steht. Daß die ersten drei Mammutbäume, an denen wir hinaufschauen, eine Kirchturmhöhe haben, wird uns erst nach und nach klar. Aber die etliche zwanzig Fuß dicken Stämme, an denen die ersten Aeste an hundert Fuß über dem Erdboden sitzen, machen doch einen gewaltigen Eindruck. Der Farbenreiz dieser Baumkolosse ist, namentlich wenn die Sonne sie bescheint, ein ganz eigentümlicher. Die sich ganz allmählich nach oben verjüngenden Riesenstämme gleichen gewaltigen rotbraunen Säulen mit grünen Kronen. Die Rinde wirft sich faltenartig um den Stamm.

Fast alle Sequoias führen Namen auf Tafeln, die am Stamm befestigt sind. Aber diese Namen sind oft recht unglücklich gewählt. Wurden die Bäume nach Präsidenten, Staatsmännern, berühmten Generalen und Naturforschern, nach Unionsstaaten etc. benannt, oder führen sie anderweitig bezeichnende Namen, so ist dagegen nichts einzuwenden, denn man könnte sie sonst nicht voneinander unterscheiden; wenn sich aber z. B. drei eitle Dämchen aus Sacramento als die Drei Grazien, und zwar in der recht ansehnlichen Größe von 280 Fuß, vorstellen, ober wenn die Siamesischen Zwillinge und Herr Fred. Gould uns dort ihre Bekanntschaft auf Marmortafeln aufdrängen, so scheint mir dies allen Regeln eines guten Geschmacks zuwider zu sein. Zwischen den drei ersten uns zu Gesicht kommenden Riesenbäumen, welche die Namen U. S. Grant und seiner Generale Sherman und McPheraon führen, steht ein ganz abgestorbener und halb verbrannter oben zugespitzter Baum von etwa 250 Fuß Höhe, der den Namen „Des Teufels Zahnstocher“ (The Devils Toothpick) führt. Dieser Name ist nicht ganz unpassend. Nimmt man die Länge eines gewöhnlichen Zahnstochers zu drei Zoll und die eines ausgewachsenen Mannes zu sechs Fuß an, so würde Se. Satanische Majestät nach diesem Maßstab 6000 Fuß, also ungefähr 1 2/3 Kilometer, groß sein, was auch mit seiner von Milton im „Verlorenen Paradies“ angenommenen Größe so ziemlich stimmt.

Im Weiterschreiten begrüßt uns zunächst eine überaus prächtige Sequoia, die mit Recht den Namen „Der Stolz des Waldes“ führt. Volle 300 Fuß streckt sie den wie mit einem purpurmen Faltenmantel umhüllten mächtigen Stamm in das grüne Dach des Urwaldes empor. Bald darauf gelangen wir nach dem ersten gefallenen Riesenbaum, der mit dem sehr unpassenden Namen „Die Goldgräberhütte“ getauft worden ist. Der 319 Fuß hohe und 21 Fuß dicke Baumkoloß wurde im November 1860 von einem furchtbaren Sturm zu Boden geworfen. Seinen lang hingestreckten Stamm kann man, wie die Stämme aller entwurzelten Mammutbäume im Calavéras-Hain, auf einer Leiter ersteigen. Die vorhin erwähnten „Drei Grazien“ schauen durch das Urwaldsgrün wie drei dicht nebeneinander stehende rotglänzende Riesengestalten nach dem gefallenen Bruder hinüber. Andere rotbraune Säulen schimmern hier und dort zwischen den grünen Büschen und Bäumen hervor. Ganz in unserer Nähe hämmert ein weißköpfiger Specht eifrig an einer mächtigen Fichte, ein Eichhörnchen klettert gewandt an einer Sequoia hinauf und verschwindet bald hoch oben zwischen den grünen Zweigen, eine Drossel läßt im Gebüsch ihr fröhliches Lied ertönen. Ueber uns braust es dumpf. Es ist das Rauschen des Windes in den hohem Wipfeln, das gewöhnlichem Windesrauschen in einem Walde gar nicht ähnlich ist. Es tönt wie das laute Brausen eines Gießbachs.

Bei einem durch Feuer arg zugerichteten uralten Riesenbaum verweilen wir länger. Er führt den Namen „Die Hütte des Pioniers“ und wurde so benannt, weil der gewaltige Stamm ganz durchgebrannt ist und einen offenen weiten Durchgang bildet. Eine Kutsche kann bequem hindurchfahren. Ueber der Decke befindet sich eine. schornsteinähnliche Oeffnung, die hoch über uns an der Seite des Baumes ins Freie führt. Wenn der Vollmond nachts durch diesen Riesenbaum scheint, so ist das Bild ein ganz wunderbares, das jedem, der es geschaut hat, unvergeßlich bleiben wird. Weiterhin liegt dicht am Pfad der „Gefallene Monarch“. Nur das untere Dritteil dieses Baumkolosses ist noch vorhanden, das obere Ende ist ganz zerstört. Er muß schon jahrhundertelang auf dem Boden liegen, denn.es stehen dort, wo sein oberer Teil hinstürzte, große Fichten, die mindestens hundert Jahre alt sind.

Einer der herrlichsten Bäume, denen wir, weiterwandernd, begegnen, ist der „Abraham Lincoln“. Er hat eine Höhe von 320 Fuß und sieht mit seinem Durchmesser von nur 18 Fuß schlank aus wie eine Fichte. Sein grüner Wipfel ist wunderschön. Nach seiner Schmächtigkeit zu urteilen, steht er im ersten Mannesalter und kann kaum älter als 2000 Jahre sein. Da er freier dasteht als die meisten seiner Brüder, so fällt seine stolze Gestalt ganz besonders ins Auge. Seine bei dem großen Waldbrand vor tausend Jahren angesengte Rinde ist ganz wieder zugewachsen. Eine Ruhebank steht zu seinen Füßen.

Wir gelangen jetzt an die romantischste Stelle im Calavéras-Hain, wo die sogenannte Familiengruppe sich versammelt hat, eine ansehnliche Zahl von Mammutbäumen, unter denen die meisten eine Dicke von 25 bis 30 Fuß und eine Höhe von über 300 Fuß aufzuweisen haben. Von ihnen fällt die verblichene „Mutter des Waldes“, gewöhnlich kurzweg „die Mutter“ genannt, sofort ins Auge. Im Sommer 1854 wurde die Rinde von diesem Baum abgelöst, um dieselbe in den östlichen Staaten zu zeigen – ein empörender Vandalismus, der diesen Riesenbaum, einen der schönsten im Calavéras-Hain, dem Tode weihte.

Der Rest seiner Rinde, die durchschnittlich 11 Zoll und stellenweise zwei Fuß stark war, fiel nach und nach vom oberen Stamm und von den mächtigen Aesten von selbst ab. Jetzt schaut der weißlich-graue Riesenstamm mit den himmelhohen gespreizten nackten Aesten wie dräuend in den grünen Wald hinein und gewährt einen fast unheimlichen Anblick. Beim Mondschein sieht die ermordete „Mutter des Waldes“ geradezu gespensterhaft aus. Mit der Rinde hatte der Prachtbaum über der Wurzel einen Umfang von 90 Fuß; jetzt hat er dort nur noch einen Umfang von 84 Fuß. 20 Fuß vom Boden mißt der nackte Stamm 69 Fuß, 70 Fuß vom Boden 43 ½ Fuß, 116 Fuß vom Boden 39 ½ Fuß im Umfang. Die Höhe des Baumes beträgt 321 Fuß. Der erste Ast befindet sich 137 Fuß über dem Boden.

Nicht sehr weit von der „Mutter“ liegt der „Vater des Waldes“, eine Riesenruine, auf dem Boden – wohl die grüßte Sequoia in Kalifornien! Sie muß schon vor Jahrhunderten niedergestürzt sein. Die kolossale Wurzel, von der die Enden abgebrochen sind, ragt immer noch 28 Fuß, so hoch wie ein einstöckiges Haus, über dem Boden empor. Als der „Vater des Waldes“ noch in Lebensfülle dastand, war er ungefähr 450 Fuß hoch, mit einem Durchmesser des Stammes von 40 Fuß, und es wird sein Alter, wie schon erwähnt wurde, auf annähernd 5000 Jahre geschätzt. Der Atem steht einem fast still beim Aussprechen dieser Alterszahl, die bis über die biblische Sintflut zurückreicht. Als der Baumkoloß niederstürzte, riß er einen anderen Riesenbaum um und schlug dann gegen den 325 Fuß hohen „Alten Herkules“ (dieser wurde 1853 durch einen Sturm entwurzelt), wobei sein oberer Teil abbrach und weit umhergeschleudert wurde. Seine Länge kann man bis auf 365 Fuß verfolgen, doch fehlt von seiner Krone jegliche Spur.

Daß aber sein Wipfel noch ungefähr 80 Fuß weiter reichte, läßt sich nach der Verjüngung der Stämme anderer Bäume ziemlich genau feststellen. An der Stelle, wo der „Vater des Waldes“ den „Alten Herkules“ traf – 300 Fuß von der ungeheuren Wurzel – hat jener noch einen Umfang von 16 Fuß. Ein bedeutender Teil von seinem Innern wurde durch Feuer zerstört und bildet eine seitwärts an zwei Stellen offene Höhlung, durch die man hindurchreiten kann. Diese Höhlung ist 82 Fuß lang und 9 bis 22 Fuß hoch. 200 Fuß von der Wurzel befindet sich ein großes Loch im Stamm, das man vom Innern des Riesenbaumes vermittelst einer Leiter erreicht und durch welches man hindurchsteigen kann. Hier saß der niedrigste baumstarke Ast. Den gefallenen Stamm besteigt man auf einer Leiter von 16 Stufen. Oben auf demselben hat man, mehr noch als von unten, einen überwältigenden Eindruck von der Riesengröße dieser uralten Baumruine.

Der Wald ist in der Nähe dieses gefallenen Baumkolosses von ergreifender Erhabenheit. Zahlreicher als sonstwo erheben sich hier ringsum die rotbraunen Riesensäulen aus dem frischen Grün, die „Mutter“ blickt geisterhaft daraus hervor und mahnt mit dem hingestürzten „Vater des Urwaldes“ und seinem halb zertrümmerten Genossen, dem „Alten Herkules“, an die Vergänglichkeit alles Irdischen. Der letztgenannte Baum stand schräg da wie der Turm zu Pisa, ehe der Sturm ihn entwurzelte. Wahrscheinlich wurde er durch den „Vater des Waldes“ etwas aus dem Gleichgewicht gebracht, als dieser gegen ihn schlug. Einige benachbarte Riesenbäume sind durch Feuer grausam verstümmelt worden, während andere, z. B. der 365 Fuß hohe „Starr King“ (nach einem berühmten kalifornischen Kanzelredner benannt), in stolzer Urkraft dastehen und nur wenige Brandschäden zeigen.

[231] Langsam schreiten wir aus dem sich durch den Wald schlängelnden Pfad weiter, heben mitunter einen grünen Sequoiazapfen auf oder halten ein Weilchen Rast auf einer Ruhebank. Nahe am Weg stehen ab und zu noch mehr Baumkolosse, um deren Wurzeln sich im Laufe der Jahrtausende durch abgefallene Zweige und Nadeln förmliche Hügel gebildet haben. In der Nähe einer halb ausgebrannten Sequoia, die den Namen „Onkel Toms Hütte“ führt und in welcher der alte Wollkopf recht gut hätte wohnen können, liegen zwei umgestürzte Mammutbäume nebeneinander mit unglaublich riesigen Wurzeln. Da das Erdreich über dem Lavabett nur eine geringe Tiefe hat, so sind die Wurzeln gezwungen, sich mehr in die Breite als in die Tiefe auszudehnen, und es ist erstaunlich, daß diese imstande sind, die ungeheure Last der Sequoias im Gleichgewicht zu halten.

Nun wir uns dem Ende unserer Wanderung von etwa einer englischen Meile (1 ½ km) Länge nähern, gewahren wir noch zwei 150 Fuß hohe junge Sequoias, deren Alter auf ungefähr 800 Jahre geschätzt wird. Wie es wohl in Kalifornien aussieht, wenn dieses stattliche Zwillingspaar ausgewachsen ist, wenn zwei Generationen von Riesen sequoias die ganze geschichtliche Entwicklungsperiode der Menschheit umfassen werden und diese 5000 oder 6000 nach Christo zählt? Was dann wohl aus Amerika, was aus Deutschland geworden ist? Solche und ähnliche Gedanken drängen sich uns beim Anschauen jener in erster Jugendkraft strotzenden Bäume unwillkürlich auf. Bald darauf treten wir aus denn dunklen Grün des Waldes wieder ins sonnige Freie. Hier müssen wir noch eine kurze Zeit bei dem Resten des Riesenbaumes verweilen, den der alte Bärenjäger Dowd im Jahre 1852 zuerst entdeckte, und der bereits im darauf folgenden Jahre an Auftrage eines Spekulanten gefällt wurde.



Das Mammoth Grove Hotel.

Und welch eine Arbeit war das Fällen dieses Baumkolosses, der einen Umfang von 96 Fuß hatte und 302 Fuß hoch war! Zuerst wurde die 15 bis 18 Zoll starke Rinde bis zu einer Höhe von 30 Fuß sorgfältig abgelöst, und dann ging’s an die Arbeit, den noch 25 Fuß dicken Baum 6 Fuß über dem Boden umzuhauen. Nachdem sich mehrere geübte Aexteschwinger eine geraume Zeit dabei abgemüht und lächerlich gemacht hatten, sah man ein, daß man so nie zum Ziele gelangen würde. Es wurde nun eine Anzahl 12 Fuß langer Pumpenbohrer herbeigeschafft, und 5 Mann bohrten 22 Tage lang von beiden Seiten ein Loch dicht neben das andere in den Stamm, bis dieser endlich ganz durchschnitten war.

Dann wurden 2 ½ Tage lang an einer Seite Keile in die Bohrlöcher getrieben um den Baum umzustürzen. Alles vergeblich! Der jetzt beinahe lose auf seinem unteren Stamme stehende Baum rührte sich nicht. Da erhielten die Keilschläger eine ganz unerwartete Hilfe. Als sie nämlich in wenig rosiger Stimmung am 25. Tage ihrer mühseligen Arbeit ihr Mittagsmahl verzehrten, wurden sie plötzlich von einem furchtbare Gekrach aufgeschreckt, und es erzitterte die Erde wie von einem Erdbeben. Ein Windstoß hatte den Riesenbaum ohne sonderliche Mühe von seinem Piedestal herabgestürzt. So wurde dieser Prachtbaum, der den Stürme im Hochgebirge länger als 3000 Jahre erfolgreich getrotzt hatte, zu Fall gebracht. Die abgelöste Rinde beförderte man später nach England. Sie wurde im Krystallpalaste zu Kensington wieder zusammengesetzt, so daß sie ein 25 Fuß breites und 30 Fuß hohes rundes Zimmer bildete. Später fiel sie dort einem Brande zum Opfer.

Der Stumpf dieser so mühsam gefällten Sequoia wurde geglättet und ein hübscher Pavillon darüber erbaut. In demselben ist an Sonntagen öfters Gottesdienst abgehalten worden; bei festlichen Gelegenheiten wird dort getanzt. Sechzehn Paare bei einem Cotillon haben Platz auf dem Stumpf! In den fünfziger Jahren wurde eine Zeitung („The Big Tree Bulletin“) im Pavillon herausgegeben Der hingestürzte Stamm diente längere Zeit als Kegelbahn, und es stand auch eine Trinkhalle auf demselben. Beide sind jetzt nicht mehr vorhanden. Vom Stamm wurde ein 30 Fuß langes Stück abgesägt, das neben dem Pavillon liegt. Man ersteigt es auf einer 25 Fuß hohen Treppe. An der einen Seite dieses abgeschnittenen Stücks kann man noch genau die Bohrlöcher gewahren; am anderen Ende sitzt noch eine Menge kleiner Nägel, die Prof. Bradley dort einschlug, als er die 3300 Jahresringe zählte.

Herr Sperry hat weder mit dem Fällen jenes herrlichen Baumes, noch mit dem Abschälen der Rinde von der „Mutter des Waldes“ das Geringste zu thun gehabt, da er den Calavéras-Hain und ebenfalls den Süd-Hain erst einige Jahre später käuflich erwarb. Seitdem werden die Riesensequoias in beiden genannten Hainen von ihm wie Augäpfel bewahrt. Ob dies noch lange geschehen wird, kann niemand vorhersagen, denn Herr Sperry steht bereits in vorgerücktem Alter, und die zukünftigen Besitzer dieser herrlichen Haine lieben vielleicht die Dollars mehr als die Riesenbäume. Es ist der Bau einer Eisenbahn bis in diese Gebirgsgegend geplant worden, Spekulanten haben große mit Wald bestandene Bodenstrecken in der Nähe der Haine angekauft, und wenn erst die großen Dampfsägemühlen bis hierher dringen, so können ihnen die Sequoias ebensogut wie die wegen ihres vorzüglichen Bauholzes hochgeschätzte Zuckerfichten und Gelbfichten zum Opfer fallen. Große Sägen werden auch mit den Riesenbäumen fertig werden. Auf das fast unverwüstliche rosafarbene Holz derselben, das eine hohe Politur annimmt, hat schon mancher Holzspekulant ein gieriges Auge geworfen.

Um dem Untergang der Seguoias vorzubeugen, müßte der Staat California die Haine ankaufen, wie dies von der Regierung der Vereinigten Staaten schon vor längerer Zeit mit denn Mariposa-Hain geschah, der zum Yosemite-Park gehört und in jedem Sommer durch eine Truppenabteilung geschützt wird. Allen Kelly, der die Stellung eines Oberförsters in Kalifornien einnimmt, hat erst neuerdings auf die Notwendigkeit eines solchen Schutzes hingewiesen, da die Sägemühlen bereits arg unter den Sequoias in den Hainen von Fresno und am Kingsflusse gewütet haben. Der Ankauf von seiten des Staates muß aber bald erfolgen. Es wäre tief zu beklagen, wenn auch der herrliche Calavéras-Hain und der Süd-Hain der Habgier der Spekulanten zum Opfer fallen sollte.

Die Tage verrannen rasch in dem traulichen und sauber gehaltenen Gasthause, unter freundlichen und umgänglichen Menschen. Das Wetter war tagaus tagein wunderschön. Jeden Tag schien [232] die Sonne warm aus unbewölktem Himmel. Die Nächte waren kühl, und ein Feuer im Ofen der großen Gaststube wurde abends sehr geschätzt. Bei einer Höhenlage von 1142 Metern über dem Meere setzte mich dies nicht in Erstaunen: auch bezweifle ich nicht, daß der Schnee, wie erzählt wird, hier im Winter mitunter 14 Fuß tief liegen soll. Nicht ein Tropfen Regen fiel während der sechswöchigen Dauer meines Aufenthaltes beim Calavéras-Hain, und doch prangte der Hochwald im saftigsten Grün.

Mitunter besuchten uns Sommerfrischler, die mit Roß und Wagen nach dem Yosemitethal zogen, in der Nähe des Calavéras-Haines wird diese Fahrt meist unterbrochen. Herren und Damen, denen ich mich mitunter anschloß, machten fast täglich Ausflüge auf Mustangs ins Gebirge, suchten die Bergströme auf, um die prächtigsten Forellen zu angeln, nahmen die 150 Fuß hohen Fälle des San Antonioflusses in Augenschein, oder ritten nach dem 6 englische Meilen entfernten Süd-Hain auf einem romantischen Saumpfad. 1380 Sequoias hat man dort gezählt, die in jenem größten Hain der Mammutbäume in ungestörter Urwildnis prangen. Sie sind ihren Brüdern im Calavéras-Hain vollkommen ebenbürtig. Junge Sequoias sind im Süd-Hain sehr zahlreich. Unter den uralten Sequoias hat der „New York“ einen Durchmesser von 35 Fuß und ist 340 Fuß hoch; der „Massachusetts“ mißt 98 Fuß, der „Ohio“ 104 Fuß im Umfang, und beide erreichen eine Höhe von über 300 Fuß etc. Ein durch Feuer ausgehöhlter Riesenbaum war 3 Jahre lang von einem alten Trapper mit Namen Smith bewohnt, der in der 21 Fuß tiefen und 16 Fuß breiten Höhlung ein Empfangszimmer, ein Schlafgemach, eine Küche und einen Stall eingerichtet hatte.

Dicht dabei liegt der „Alte Goliath“, ein Baumkoloß von 105 Fuß im Umfang, den derselbe Sturm im Jahre 1862 entwurzelte, der seinen Genossen, den „Alten Herkules“ im Calavéras-Hain zu Boden warf. Smith war gerade zu Hause, als jenes Ereignis stattfand, und glaubte beim Donnerfall des „Alten Goliath“, daß die Erde entzwei bräche. Bei allen Ausflügen ins Gebirge bemühten wir uns, einiger Schneewurze (snow plant – Sarcodes sanguinea) habhaft zu werden. Dieses dem Fichtenspargel (monstropa) ähnliche Gewächs kommt nur auf der Sierra Nevada vor. Dasselbe hat ein blutrotes fleischiges Aussehen, mit knollenartigen Auswüchsen und es erreicht mitunter eine Höhe von 16 Zoll. Die Blumenpflanze, denn eine Blume kann man das merkwürdige Gewächs nicht nennen, streckt, sobald der Schnee verschwunden ist, ihr blutrotes Haupt aus dem Waldboden empor.

Herrlich waren die Abende vor Sonnenuntergang auf der breiten Veranda des Gasthauses, entfernt vom Lärm und Gewühl der Großstadt. Das dicht bewaldete Gebirge mit einer großen grünen Wiese davor, die freundlichen Anlagen mit den 200 Fuß hohen Fichten und Cedern und den rotbraunen Säulen der „Sentinels“ („Schildwachen“), zwischen deren Portal die Landstraße hinführt, der nur 150 Schritt entfernte Calavéras-Hain, aus welchem die rötlichen Baumgiganten hervorleuchteten und auf dessen grünen Vorhof die Bäume lange schwarze Schatten hinmalten, zwitschernde und fröhlich singende Vögel – dabei die lauen Abendlüfte, denn der Wind erstirbt regelmäßig vor Sonnenuntergang: es war ganz wundervoll, und nie werde ich die Stunden vergessen, die ich dort verbracht habe! Und dann eine Mondscheinnacht im Calavéras-Hain: ein Spaziergang durch den dämmernden und doch lichterfüllten Hain unter den silberumfluteten rötlichen Säulen der Riesebäume, ganz allein, wie in einem Märchenwalde! Aehnliches giebt es wohl nirgend sonstwo in der Welt!

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