Dienstag, 9. Mai 2017

Gefahren in der spirituellen Lehre

Wissen ist Macht_Salvesen_MYSTICA

© kallejipp / photocase.de


Machtmißbrauch in der spirituellen Szene – Christian Salvesen

Wissen ist Macht, und kann missbraucht werden – auch von spirituellen Lehrern. Wissen gilt in unserer Gesellschaft als besonders erstrebenswert, im TV-Quiz kann man 1 Million Euro gewinnen. Das spirituelle Wissen kann ebenfalls eine verführerische Macht sein.

von Christian Salvesen


Wir kennen den Slogan „Wissen ist Macht“. Er erscheint zum Beispiel in der Werbung für Persönlichkeitsentwicklung und Managementtrainings. Und die Geschichte belegt: Wer lesen und schreiben konnte und so über Wissen verfügte, der hatte auch Macht und Einfluss. Immer wieder ging es in Revolutionen wie der Französischen von 1789 oder den Arbeiterrevolten in den 20er Jahren in Deutschland darum, dass die sozial schwachen und armen Menschen auch den Zugang zu Bildung und Ausbildung erhalten. Das ist bis heute aktuell: Je mehr Wissen und Bildung, desto besser die Berufschancen.

Doch das geflügelte Wort „Wissen ist Macht“ bedeutet noch mehr. Es stammt aus der Philosophie von Francis Bacon (1561–1626), einem Pionier der Aufklärung. Er schreibt 1598 in Bezug auf die Wissenschaft „Wissen selbst ist Macht“ und 1620 in seinem Hauptwerk Novum Organum: „Wissen und Macht des Menschen fallen zusammen, weil Unkenntnis der Ursache über deren Wirkung täuscht“. Wir dürfen nicht vergessen, dass zu jener Zeit der Glaube an Hexerei viel Leid erzeugte. Die Einsicht in den Zusammenhang von Ursache und Wirkung war gleichsam blockiert. Das Meckern eines Ziegenbocks oder das Lachen einer Frau konnten durchaus als Ursache für den Brand eines Hauses und als Werk des Satans angesehen werden, eben aus Unwissenheit.
Im weitesten Sinn ist Wissen nicht nur gut für die eigene Karriere, sondern vor allem für die Entwicklung unserer Spezies Mensch. Philosophen wie Sri Aurobindo, Jean Gebser und Ken Wilber sehen eine Entwicklung des Bewusstseins, die durch eine höhere, göttliche Instanz gelenkt wird, und dabei geht es primär um ein inneres Wissen.

Der französische Philosoph, Historiker und Soziologe Michel Foucault (1926-1984) kam zu dem Schluss, dass „Macht und Wissen einander unmittelbar einschließen; dass es keine Machtbeziehung gibt, ohne dass sich ein entsprechendes Wissensfeld konstituiert, und kein Wissen, das nicht gleichzeitig Machtbeziehungen voraussetzt und konstituiert.“

Was so wichtig für uns Menschen ist, kann aber auch missbraucht werden. Ein Betrüger ergaunert sich heute meistens Informationen durch das Internet, spioniert den Zugang zu Kontodaten aus usw. Jeder hat wohl auch selbst erlebt, dass jemand etwas weiter erzählt hat, was ihm oder ihr mit dem Schweigesiegel anvertraut wurde. Wissen besteht aus Informationen, für die nicht nur in Spionagefilmen getötet wird. Es kann die Nummer eines Bankkontos oder einfach nur eine Adresse sein – und das Wissen darum entscheidet über Leben und Tod. Und das bedeutet auch Macht.



Wissen und Macht im Bereich der Spiritualität

Wir können hier unzählige spannende Fälle von Macht und Machtmissbrauch in der Geschichte, der Politik usw. erörtern, eben das, was auch in Krimis und der aktuellen Presse behandelt wird. Doch im Folgenden soll es um Wissen und Macht sowie ihren Missbrauch im Bereich der Spiritualität gehen.

Wissen sollte hier eigentlich gleichbedeutend mit Weisheit sein. Religionsstifter wie Moses, Jesus, Mohammed oder Buddha gelten als weise und gerechte Menschen, die ein besonders inniges Verhältnis zu Gott, zur universellen Wahrheit und zur Liebe haben. Sie haben aufgrund ihrer mystischen Erfahrung eine besondere Autorität, sind auf eine Art machtvoll, die schwer zu definieren ist. „Mein Reich ist nicht von dieser Welt“, soll Jesus gesagt haben. Er trennte deutlich zwischen der weltlichen und der göttlichen Macht. Andererseits soll er seinem Jünger Petrus eine Verantwortung und Macht übertragen haben, auf die sich bis heute jeder Papst „als Stellvertreter Gottes auf Erden“ beruft. Und wie wir aus der Geschichte wissen, haben die meisten Päpste ganz kräftig mitgemischt in der Politik.

Die Beziehung zur Macht ist bei den Religionsbegründern unterschiedlich. Moses führte sein Volk wie ein Herrscher durch die Wüste und gab ihm die zehn Gebote, Mohammed kämpfte als Krieger, Jesus wählte den Opfertod, Buddha verzichtete auf seinen Thron und Krishna schickt Arjuna in den Kampf, um alle seine Freunde und Verwandte zu töten. Ein allgemein verbindliches Konzept, wie sich Erleuchtung mit Macht verbindet, lässt sich hier nicht so ohne Weiteres ablesen.

In den Religionen der vergangenen 3000 Jahre nutzten Priesterkasten und Eingeweihte ein kaum durchschaubares Wissen um göttliche Zusammenhänge, um das Volk zu unterdrücken. Das lief und läuft immer noch so gut, weil die Grundängste des Menschen ausgebeutet werden. Jeder hat Angst vor dem Tod. Da ist eine Ungewissheit und Leere, in die man einen Himmel und eine Hölle hinein fabrizieren kann. Ein wunderbares Machtinstrument, sehr ausbaufähig. Das Wissen ist natürlich nur vorgetäuscht. Niemand weiß, was nach dem Tod kommt. Aber das Geschäft mit Informationen aus dem Jenseits blüht auch heute. Es ist so menschlich, etwas wissen zu wollen, was doch grundsätzlich dem Verstand verschlossen bleibt. Wer da weise genug ist, sich dem Nicht-Wissen hinzugeben, wird kaum ein Opfer von Gurus werden, die ihm göttliches Wissen und Erleuchtung verkaufen wollen.


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