Sonntag, 7. August 2016

Unheimliche Fähigkeiten: Super-Vision, eine neue Evolutionsstufe des Menschen?

Andreas von Rétyi

Nach 25 Jahren des Suchens stießen britische Neurologen auf eine junge Frau, die über außergewöhnliche Seh-Eigenschaften verfügt: Sie ist im Vergleich zu gewöhnlichen Menschen in der Lage, rund 100 Millionen Farben mehr wahrzunehmen. Woher kommt diese erstaunliche Fähigkeit? Eine neue Stufe der menschlichen Evolution?
Jedermann weiß: Einige Menschen verfügen über eingeschränkte Farbwahrnehmung. Jemand sei »farbenblind«, so heißt es dann oft, eine irreführende Bezeichnung. Tatsächlich handelt es sich vielfach nur um eine Rot-Grün-Sehschwäche. Für gestörtes Farbsehen gibt es eine ganze Reihe an Ursachen, erworbene wie angeborene. Angeboren sind Defekte in der Netzhaut.



 Normalerweise verfügt jeder Mensch über drei verschiedene Arten von Sehzapfen, die im Zusammenspiel ein einwandfreies Farbensehen ermöglichen. Wir sind »Trichromaten« und funktionieren beim Farbmischen nicht viel anders als Farbfernseher. Fällt bei dieser Technik eine Zapfenart aus, hat das Bild einen »Farbstich«. Fallen alle aus, funktioniert nur noch die Hell-Dunkel-Wahrnehmung über die Sehstäbchen. Die Welt ist grau wie im Schwarzweißfernseher.


Doch eine junge Frau in England verfügt über ein interessantes Extra: eine vierte Variante von Sehzapfen. Sie beherrscht damit sozusagen »Supervision«, kann Farben sehen, die uns Normalsichtigen auf ewig verborgen bleiben. Wo etwas für uns grau erscheint, sieht sie offenbar schillernde Farbnuancen. Jede Zapfenart unterscheidet rund 100 Farbschattierungen.

Also ergeben sich bei drei üblichen Typen insgesamt rund eine Million Kombinationen. Funktionieren nur zwei Typen, bleiben ungefähr 10 000 Farben übrig. So eingeschränkt nimmt der Dichromat die Welt wahr. Fast alle Säugetiere sind Dichromaten. Hier stellen wir Menschen also eher die Ausnahme dar. Die junge Britin ist allerdings sogar ein Tetrachromat und schafft damit gleich 100 Millionen Farben!

Als die Wissenschaftler auf diese sehr ungewöhnliche Eigenschaft stießen, waren sie ganz außer sich vor Begeisterung. Ihnen war erstmals gelungen, die Existenz eines authentischen Tetrachromaten nachzuweisen. Sie gehen aber davon aus, dass unter uns noch weitere davon leben. Das klingt ein wenig nach Mutanten, und letztlich handelt es sich auch darum.

Der Gedanke an mögliche Tetrachromaten kam offenbar erstmals im Jahr 1948 auf. Damals befasste sich der niederländische Forscher H. L. de Vries mit dem Farbensehen und entdeckte bei Dichromaten einen interessanten Zusammenhang. Er stellte fest, dass Mütter und Töchter betroffener Männer über die drei üblichen Typen von Sehzapfen verfügten, zusätzlich aber über einen mutierten Zapfen. Damit verfügten sie also gleichfalls über vier verschiedene Rezeptorenarten. Allerdings arbeiteten nur drei davon normal.

Das war eine völlig neue Beobachtung. Trotzdem kümmerte sich kaum jemand um diese Entdeckung, bis dann in den späten 1980er-Jahren John Mollon von der Universität Cambridge nach Frauen zu suchen begann, bei denen alle vier Typen von Rezeptoren funktionierten. Wie Professor Mollon vermutete, wurde die Geninformation für den zusätzlichen Rezeptor stets von »farbenblinden« Männern an deren Töchter weitergegeben. Nun konnte er nur Frauen finden, bei denen drei Zapfenarten funktionierten, selbst wenn sie über vier davon verfügten. Echte Tetrachromaten waren sie also nicht.

Dann kam Gabriele Jordan von der britischen Universität Newcastle ins Spiel, die früher mit Mollon zusammengearbeitet hatte. 2007 entschloss sie sich, eigene Experimente zur Suche nach den »Superaugen« durchzuführen. Ihre Testpersonen waren allesamt Frauen, die über die zusätzliche Variante verfügten. Jordan ließ speziell ausgewählte farbige Kreise vor deren Augen aufblitzen. Für Trichromaten sahen sie allesamt gleich aus.

Die Forscherin war überzeugt davon, ihren Versuch so ausgelegt zu haben, dass ein echter Tetrachromat die verschwindend kleinen Abweichungen wirklich bemerken würde. Und sie schien recht zu behalten. Eine Versuchsperson war tatsächlich in der Lage, die eigentlich gleichfarbig wirkenden Blitze zuverlässig voneinander zu unterscheiden. Und zwar in jedem einzelnen Test. Ganz gleich, wie oft der Versuch wiederholt wurde, diese eine Frau sah die Farbabweichung, die sonst niemand erkannte. Die Kandidatin, eine junge Akademikerin aus Nordengland, war die lange gesuchte »Superfrau«, ein echter Tetrachromat – oder besser, eine echte Tetrachromatin: ein Mensch, bei dem alle vier Zapfentypen gleichzeitig aktiv waren.

Jordan war begeistert: »Ich sprang auf und ab«, erinnert sie sich und betont: »Wir wissen jetzt, dass Tetrachromasie existiert. Nur wissen wir leider nicht, was jemandem erlaubt, funktional tetrachromatisch zu sein, wo doch die meisten Frauen trotz vier vorhandener Zapfentypen dazu nicht imstande sind.« Der Ophthalmologe Jay Neitz von der Universität Washington, der selbst nicht an der britischen Studie beteiligt war, glaubt, dass die Nutzung der vierten Zapfenart einige Übung erfordert. »Unsere ganze Welt könnte möglicherweise auf die Welt der Trichromaten abgestimmt sein«, so spekuliert er und meint damit vom Menschen produzierte Gegenstände und deren Farben. Wie er meint, werden die vierten Rezeptoren in einem solchen Umfeld einfach nicht gefordert.

Der Name der echten Tetrachromatin wird nicht veröffentlicht, die junge Frau ist lediglich als »cDa29« bekannt, was beinahe wie die Entwicklung aus einem Geheimlabor klingt. Nach wie vor bleiben viele Fragen offen, wenn es um die aktuellen Forschungsergebnisse geht. Nach Ansicht der Wissenschaftler steht nun aber fest, dass es die lange vermuteten, voll funktionalen Tetrachromaten wirklich gibt.

Natürlich hat auch das menschliche Sehen eine Evolution durchgemacht. Von den drei Farbrezeptor-Typen für kürzere, mittlere und längere Wellen des elektromagnetischen Spektrums (S, M und L) hat sich der mittlere Typus offenbar erst relativ spät entwickelt. Er verbessert die Unterscheidung von Rot-, Gelb- und Grüntönen. Könnte sich nun mit den zusätzlichen Zapfen eine Weiterentwicklung des menschlichen Sehens abzeichnen?

Wenn es nach dem üblichen Konzept der Evolution ginge, müsste mit der neugewonnenen Fähigkeit wohl ein wie auch immer gearteter Vorteil verbunden sein. Das scheint aber nicht zuzutreffen. Im Gegenteil, die verfügbare Sondereigenschaft muss zu ihrer Aktivierung offenbar regelrecht trainiert werden. Insgesamt dürfte es recht unwahrscheinlich sein, dass hier eine neue, weiterentwickelte und geschlechtsspezifische Form des Menschen beginnt, in Erscheinung zu treten.

Doch die besondere Eigenschaft ist erstaunlich genug und bleibt vielfach mysteriös. So kann sich auch kein Normalsichtiger wirklich vorstellen, wie die Welt mit den besonderen Augen von cDa29 erscheint. Letztlich ist es dann unser Gehirn, das die Farben registriert, während die Augen lediglich die Daten empfangen, um sie zur Verarbeitung weiterzuleiten. Gabriele Jordan geht es wie allen anderen: »Diese persönliche Wahrnehmung ist es, die jeden neugierig macht. Ich würde das so gerne sehen.«

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