Mittwoch, 20. Juli 2016

Der Klimawandel stößt in Sibirien gerade „Tore zur Unterwelt“ auf

Mitten in den tiefsten Nadelwäldern Sibiriens klafft ein monströser Abgrund. Die Bewohner der Taiga, die Jakuten, nennen ihn „das Tor zur Unterwelt“, das das jetzige Leben mit dem nächsten verbinden soll.
Der unheilvolle Krater, der sich über eine Länge von 1,5 Kilometern erstreckt und fast 120 Meter tief ist, hat sich vor 25 Jahren ohne jegliche Vorwarnung aufgetan. Geologische Untersuchungen deuten darauf hin, dass der Krater jährlich um 18 Meter wächst. Und doch ist außerhalb von Batagai, einer ländlichen Stadt in der zu Russland gehörenden Republik Sacha, wenig über dieses Naturphänomen bekannt.

Nun ist der Batagaika-Krater höchtwahrscheinlich nicht das Tor zur Hölle, aber er ist vermutlich der Vorbote einer schrecklichen geologischen Veränderung auf unserer Erde. Und es überrascht wohl kaum jemanden, dass der Klimawandel sehr viel damit zu tun hat.


Irgendwann in den frühen 1960ern wurde im Gebiet um Batagaika angeblich aus industriellen Zwecken eine Waldparzelle abgeholzt. Man war sich wohl nicht darüber im Klaren, welche katastrophalen geologischen Folgen eine so großflächige Rodung haben könnte. Als die Auswirkungen des weltweiten Klimwandels immer stärker zu spüren wurden, fegten noch nie dagewesene Hitzewellen über Jakutien hinweg, das eigentlich eine der kältesten Regionen der Welt ist. Dadurch wurden die freigelegten Schichten von Gletschereis, die zuvor etwa 20.000 Jahre lang von den Bäumen geschützt gewesen waren, zum Schmelzen gebracht. Und dann begann das aufgeweichte Land eines Tages nachzugeben und einzusacken.
Karte der Republik Sacha (Jakutien), Sibirien. Bild: Wikipedia
Bei dem Batagaika-Krater handelt es sich um etwas, das die Wissenschaft als „Megaslump“ bezeichnet: eine Art Massenbewegung, die ein riesiges Loch erzeugt. Die Geomorphologie spricht hier auch von einem Thermokarst, einem Landformungsprozess, der durch oberflächlich auftauende Dauerfrostböden verursacht wird. Die plötzlichen Gräben erscheinen, wenn Dauerfrostböden sehr schnell auftauen. Dadurch sinken die oberen Erdmassen in den von Schmelzwasser durchtränkten Schlamm. Die Megaslumps können einige Jahrzehnte lang aktiv bleiben, und während sie ziemlich furchteinflössend aussehen, sind sie ein typisches Merkmal arktischer Regionen wie Sibirien.
Es gibt jedoch einige Wissenschaftler, die meinen, die Batagaika-Megaslumps seien eine Anomalie und ein möglicherweise unumkehrbares Zeichen dafür, dass unserer Welt schon bald Schlimmeres bevorstehen wird.

„Ich gehe davon aus, dass der Batagaika Megaslump so lange weiter wachsen wird, bis das gesamte Eis geschmolzen ist oder er von eingesacktem Bodensatz begraben wird. Es ist zudem sehr wahrscheinlich, dass noch weitere Megaslumps entstehen werden, wenn das Klima immer wärmer und nasser wird“, erklärte der Geologie-Professor Dr. Julian Murton von der University of Sussex gegenüber Motherboard.
Murton ist aktuell der einzige Wissenschaftler, der in Zusammenarbeit mit dem Institute of Applied Ecology of the North an der North-East Federal University in Sachas Hauptstadt Jakutsk Untersuchungen an dem Krater durchführt. Seit 2009 hat er den Ort bereits mehrfach besucht.
Julian Murton und sein Forschungsteam entnehmen Proben aus dem Sediment des Batagaika Krater. Bild: Research Institute of Applied Ecology of the North/Julian Murton
Für einen historischen Geologen bieten die einzigartige Lage und die beachtliche Größe des Batagaika Kraters einen überaus seltenen Einblick in die Geschichte der Eiszeit im nordöstlichen Sibirien. Murton sagt, dass er und sein Team im Sediment bereits auf den mumifizierten Kadaver eines Bisons, auf die gefrorenen Überreste eines Moschusochsen, eines Mammuts und eines 4.400 Jahre alten Pferds aus dem Holozän gestossen sind.
„Im Batagaika Krater befindet sich eine bemerkenswert dicke Abfolge von Permafrost-Ablagerungen. Dazu gehören zwei holzreiche Bodenschichten, sogenannte Stubbenhorizonte, die darauf hinweisen, dass vergangene Klimata genauso warm oder wärmer als unser heutiges Klima waren“, erklärte Murton. „Der obere Stubbenhorizont liegt über einer alten Landfläche, die erodiert wurde, wahrscheinlich als der Permafrostboden in einer vergangenen Episode der Klimaerwärmung auftaute.“
Eine Luftaufnahme vom Batagaika Krater. Bild: Research Institute of Applied Ecology of the North/Alexander Gabyshev
Momentan schiessen die Krater an der sibirischen Grenze wie Pilze aus dem Boden. Im nördlichen Teil der russischen Region Krasnojarsk wurde über etliche neue Krater berichtet, und viele Wissenschaftler glauben, dass das ungewöhnlich warme Wetter daran schuld sei.
„Wir haben gerade erfahren, dass es in Jakutien neue Informationen über einen riesigen Krater mit einem Durchmesser von einem Kilometer gibt“, hatte der stellvertretende Direktor des Oil and Gas Research Institute of the Russian Academy of Sciences, Vasily Bogoyavlensky, der AFP im vergangenen Jahr berichtet. „Anhand von Aufnahmen konnten wir sieben Krater ermitteln, tatsächlich gibt es aber noch viele mehr.“
Dr. Vladimir Epifanov, Geologe am Siberian Research Institute of Geology, erklärte gegenüber der Siberian Times: „Es gibt Berichte, dass die Bewohnern von Dörfern, welche sich 70 bis 100 Kilometer entfernt befinden, explosionsartige Geräusche vernahmen."
Laut geologischer Daten sind in Sibirien zuletzt vor 10.000 Jahren Landmassen in solch einem Ausmaß wie jetzt eingesackt, so Murton. Damals erfolgte der Übergang von der letzten Eiszeit in unser heutiges Holozän. Die Treibhausgasemissionen erreichen heute Werte von 400 ppm und haben damit die Kohlenstoffdioxid-Werte von 280 ppm bei Weitem überschritten, die vor tausenden von Jahren zum Ende der Eiszeit geführt haben.
Thermokarst in der Nähe von Omulyakhska, Nord-Sibirien. Bild: Wikipedia
In naher Zukunft plant Murton, Bohrlöcher in den Permafrostboden von Batagaika zu bohren und die Sedimentschichten hochauflösend zu analysieren. Er hofft, aus den Ergebnissen Rückschlüsse auf die atmosphärischen Bedingungen der letzten Eiszeit ziehen zu können.
„Wenn wir nachvollziehen können, wie die Landschaft damals verändert wurde“, sagte Murton, „könnte uns das dabei helfen, die Entwicklungen im sibirischen Permafrost für die nächsten Jahrhunderte vorherzusehen.“

Quelle:  http://motherboard.vice.com/de?trk_source=header-logo

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