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Freitag, 20. Mai 2016

"Es werden sogar Kinder vor der Kamera umgebracht"

Eine Million Kinder und Jugendliche sind sexuellen Übergriffen ausgesetzt, meist in der eigenen Familie. Deutschland braucht ein waches Auge dafür, fordert der Missbrauchsbeauftragte der Regierung.


Die Welt: Herr Rörig, Sie sind seit Ende 2011 Missbrauchsbeauftragter der Bundesregierung. Warum braucht es einen Job wie Ihren?
Johannes-Wilhelm Rörig: Mein Amt braucht es, um dafür zu sorgen, dass die Empfehlungen des Runden Tisches "Sexueller Missbrauch", der von 2010 bis 2011 getagt hat, Realität werden. Dabei geht es vor allem um verbesserten Schutz für Kinder. Ich muss die Verantwortlichen immer wieder daran erinnern und fragen: Tut ihr wirklich genug angesichts des tausendfachen Missbrauchs von Kindern in Deutschland jedes Jahr?

 
Die Welt: Nach der Aufdeckung verschiedener Missbrauchsskandale inkirchlichen Einrichtungen und Internatsschulen kochte die öffentliche Erregung hoch. Jetzt redet keiner mehr von dem Thema. Warum?
Rörig: Es gibt bei sexueller Gewalt an Kindern in jedem Menschen den Wunsch zu verdrängen – sich nicht vorstellen zu wollen, was hinter dem Wort sexueller Kindesmissbrauch tatsächlich an schrecklichem Leid stattfindet. Die Politik denkt wohl, dass das kein Gewinnerthema ist und möchte es immer wieder gerne schnell abräumen.
Das große politische Problem ist, das wir an vielen Stellen nicht die nötige Nachhaltigkeit und Dauerhaftigkeit haben.
Die Welt: Sie haben kürzlich mit schockierenden Zahlen aufgewartet. Eine Million Kinder seien Opfer sexuellen Missbrauchs. Ist das nicht extrem hochgegriffen?
Rörig: Wir arbeiten tatsächlich in einem großen Dunkelfeld. Nicht alle Fälle sexuellen Kindesmissbrauchs werden der Polizei gemeldet. Aber wir haben eine Grundzahlenlage, mit der wir operieren können. Sowohl die Zahlen der Weltgesundheitsorganisation als auch eine von uns in Auftrag gegebene Häufigkeitsstudie kommen zu dem gleichen Ergebnis. Wir haben jedes Jahr 60 bis 100.000 Fälle. Auf 18 Jahrgänge hochgerechnet müssen wir davon ausgehen, dass eine Million betroffener Kinder in Deutschland leben.
Die Welt: Wo fängt Missbrauch an? Und wo hört er auf?
Rörig: Missbrauch fängt mit sexuellen Grenzverletzungen an: Verbale Belästigung, Grapschen, das Andeuten sexueller Handlungen. Dann gibt es sexuelle Übergriffe, wo bereits ein körperlicher Kontakt stattfindet. Und die schlimmste Stufe des Missbrauchs ist die Vergewaltigung. Dazwischen gibt es viele Ausprägungen.
Durch die digitalen Medien haben wir auch neue Formen sexueller Gewalt – wenn Kinder etwa gezwungen werden, Nacktfotos von sich ins Netz zu stellen. Nicht alle Missbrauchsopfer sind Vergewaltigungsopfer. Aber wir kennen auch Fälle, in denen sogar Babys vergewaltigt werden.
Die Welt: Gibt es kriminelle Netzwerke, die gezielt auf Kindesmissbrauch spezialisiert sind? Welche Dimension hat dieses Problem?
Rörig: Ja. Wir sprechen hier über organisierte Kriminalität. Das geht bis hin zu schwerster Folter an Kindern und Jugendlichen. Es werden sogar Kinder vor der Kamera umgebracht. Das sind unvorstellbare Grausamkeiten, die Menschen Kindern antun.
Ich habe vor einem Jahr einen Betroffenenrat berufen, deren 15 Mitglieder mich in meiner Arbeit unterstützen. Darunter sind auch Opfer organisierter sexueller Gewalt, also Menschen, die als Kinder und Jugendliche gezielt und mit großer Brutalität zu sexuellen Handlungen mit Einzelnen und in Gruppen erzogen wurden.
Und wir mussten leider auch lernen, dass Menschenhändler in Tschechien für 4000 Euro Babys von Prostituierten kaufen können. Diese unregistrierten Kinder laufen vollkommen unterhalb des Radarschirms der Kinder- und Jugendhilfe. Niemand hat sie je gesehen. Sie werden einzig zum Zweck der sexuellen Ausbeutung großgezogen.
Die Welt: Gibt es irgendwelche Vorstellungen, in welcher Größenordnung so etwas stattfindet?
Rörig: Es ist noch nie ein solcher Fall vor einem deutschen Gericht entschieden worden. Experten bestätigen uns, dass es Teil des Vorgehens dieser kriminellen Strukturen ist, es nie zu einem Prozess kommen zu lassen. Denken Sie an denFall Dutroux in Belgien: Wie viele Zeuginnen und Zeugen ums Leben gekommen sind, bevor sie aussagen konnten. Das waren über 20 Menschen. Kinder, die in solchen schrecklichen Konstellationen leben müssen, leben in verschiedenen Welten.
Sie leiden meist unter einer so extremen Persönlichkeitsabspaltung, dass die Aussagen nicht gerichtlich verwertbar sind. Wir sind mit Experten, die Opfer aus organisierter ritueller Gewalt begleiten, im Gespräch, wie wir einen sicheren Ausstieg für diese Überlebenden schaffen können – das muss mehr sein als ein Zeugenschutzprogramm.
Die Welt: Sie haben in den vergangenen Jahren viele Geschichten von Betroffenen gehört. Welche Folgen hat sexueller Missbrauch für die Opfer?
Rörig: Das hängt davon ab, wo und wie lange der Missbrauch stattgefunden hat und ob das Opfer Hilfe erhalten hat. Wenn etwa ein Junge über Jahre von seinem Vater missbraucht wurde und die Mutter womöglich weggeguckt hat, dann ist dieser Junge nicht mehr in der Lage, Vertrauen zu schöpfen in die Menschen, die die Basis seiner Persönlichkeitsentwicklung sind. Das ist das Schlimme an familiärem Missbrauch: dass das so existenzielle Vertrauen missbraucht und zerstört wird.
Wenn hingegen ein 13-jähriges Mädchen vom Sportlehrer begrapscht wird, sich schnell offenbart und der Fall offen thematisiert wird, dann können die Folgen weniger gravierend sein. Es gibt aber typische Folgen des sexuellen Missbrauchs: Beziehungs- und Bindungsprobleme, Essstörungen, Alkohol- und Drogenprobleme, Depressionen, Autoaggressivität, auch Selbstmord.
Meine Zielsetzung ist, dass Politik und Gesellschaft das Investment in Prävention und Hilfen erheblich erhöht. Der Bereich ist sträflich unterfinanziert
Die Welt: Warum wird Missbrauch so oft vertuscht? Gibt es wirklich ein Kartell des Schweigens? Weil nicht sein kann, was nicht sein darf?

Rörig: Ein großes Problem sind die Mitwisser, die eine Ahnung davon haben, dass etwas falsch läuft, aber nicht wissen, wie sie damit umgehen sollen – und deshalb schweigen. Das betrifft vor allem die Vorfälle im familiären Bereich. Und auch die Opfer selbst sind oft in einer Schockstarre. Sie kapseln das Geschehen in sich ab. Sie fühlen sich so beschmutzt und beschämt, dass sie nicht darüber reden können. Oder schweigen auch, weil sie beispielsweise ihre Mütter schützen und nicht traurig machen .

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