Mittwoch, 27. Januar 2016

ADHS eine erfundene Krankheit? Ein Neurologe erklärt, warum er die Krankheit für eine Lüge hält


Ungeduldig, unkonzentriert, unaufmerksam: Wenn ein Kind diese Symptome aufweist, wird häufig ADHS, Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung, diagnostiziert.
ADHS ist die häufigste psychiatrische Krankheit bei Kindern. Laut einerStellungnahme der Bundesärztekammer sind ca. 5 % der deutschen Kinder und Jugendlichen im Alter von 3 bis 17 Jahren betroffen - Jungs häufiger als Mädchen.
Ein Arzt mit einer gewagten These
Sobald die Diagnose ADHS gestellt wird, helfen nur mehr Medikamente, genauer gesagt eines: Ritalin.
Der US-amerikanische Arzt Richard Saul verschreibt seinen Patienten dieses Medikament so gut wie nie. Er diagnostiziert auch nicht ADHS bei ihnen. 2014 veröffentlichte er das Buch „ADHD does not exist“ – „Die ADHS-Lüge: Eine Fehldiagnose und ihre Folgen“, so der deutsche Titel des Buches.
Die These des Buches ist umstritten: ADHS gibt es nicht. Saul ist der Meinung, dass man nicht allen Kindern oder Erwachsenen, die sich leicht ablenken lassen, ADHS zuschreiben sollte.
"Unter subjektiven Kriterien wäre die gesamte Bevölkerung an ADHS erkrankt"
„Wie viele von uns können behaupten, dass wir Probleme beim Organisieren haben, oder dazu tendieren, Sachen zu verlieren; dass wir vergesslich oder abgelenkt sind oder nicht auf die Details zu achten? Unter diesen subjektiven Kriterien wäre die gesamte Bevölkerung an ADHS erkrankt“, schreibt er in einem Gastkommentar im Magazin "Time".
Er rät davon ab, leichtfertig zu Medikamenten zu greifen, da sie nur Symptome bekämpfen und zugleich den Körper abhängig machen sollen.
„Von 5000 Patienten, die mit ADHS-Beschwerden zu mir kamen, brauchten zehn Prozent Stimulanzien und 90 Prozent brauchten etwas anderes oder gar nichts“, erzählt der Neurologe im Interview mit der "Augsburger Allgemeine".
Fehldiagnosen rund um ADHS gibt es viele
Wenn er bei seinen Patienten nur leichte Anzeichen von Unaufmerksamkeit oder Überaktivität vernehme, verschreibe er ihnen gesunde Ernährung, Sport, mehr Schlaf, weniger Koffein am Nachmittag, weniger Zeit am Smartphone während der Arbeit oder Schule und –was ihm besonders wichtig ist – etwas zu tun, das sie gerne machen.
In seinem Buch beschreibt er Beispiele von falschen Diagnosen: Etwa das Mädchen, das nur eine Brille brauchte und schon waren alle Anzeichen für ADHS, die ihr im Unterricht von den Lehrern unterstellt wurden, verschwunden. Oder ein Patient, der schlichtweg zu viel Kaffee trank.
„Eine Generation von Kindern – und Erwachsenen – heranzuzüchten, die ohne Stimulanzien nicht leben kann, ist keine Lösung“, so sein Fazit.
Kritik an Sauls Buch
Marcel Romano, Direktor der Kinder- und Jugendpsychiatrie am Uniklinikum Würzburg, entkräftete die Argumente Richard Sauls im Rahmen einer ADHS-Tagung in Berlin mit genetischen Belegen: „ADHS ist zu siebzig bis achtzig Prozent erblich.“
Das sollen Zwillingsstudien belegen, die seit 1973 weltweit durchgeführt werden. Ihn machen Thesen wie jene von Saul wütend:„Mit einer einzigen Nachricht wird die jahrzehntelange Forschung von vielen Menschen einfach weggewischt“.
Saul schließt in seinem Buch nicht kategorisch aus, dass ADHS existiert, er spreche aber von ADHS als „eine Sammlung von Symptomen, die mit dieser Diagnose assoziiert werden und nicht als eine Krankheit“.

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