Dienstag, 29. Dezember 2015

Weichmacher in Kunststoffen verursachen bei männlichen Babys Missbildungen der Genitalien

David Gutierrez

Phthalate, Weichmacher, die in vielen Kunststoffen eingesetzt werden, stehen seit Längerem in Verdacht, gesundheitsschädlich zu sein. Forscher des Mount-Sinai-Krankenhauses in New York haben in einer Studie Belege dafür gefunden, dass Babys, die im Mutterleib mit Phthalaten in Kontakt gerieten, häufiger mit genitalen Missbildungen auf die Welt kommen. Die Studie wurde dieses Jahr im Fachmagazin Human Reproduction veröffentlicht.


Zuvor hatten bereits zahlreiche andere Studien Belege dafür geliefert, dass Phthalate die Entwicklung des männlichen Fortpflanzungsapparats beeinträchtigen können. Die Weichmacher kommen nicht nur in Kunststoffen zum Einsatz, sondern auch in Lotionen, Parfüm und anderen Kosmetika, in Lebensmittelverpackungen und Sanitätsartikeln. Die Wissenschaft ist sich mittlerweile einig, dass Phthalate den Hormonhaushalt stören und aus dem Gleichgewicht bringen. Auch mit Nervenschäden werden sie in Verbindung gebracht.

Zusammenhang mit Fortpflanzungsschwierigkeiten

Für die Studie wurden über 700 Schwangere aus vier amerikanischen Städten und ihre Kinder untersucht. Die Forscher sammelten während des ersten Trimesters der Schwangerschaft Urinproben. Die ersten drei Monate einer Schwangerschaft sind die Zeit, in der sich der Fortpflanzungstrakt des Fötus auszubilden beginnt.

Was die Forscher fanden, waren elf unterschiedliche Phthalat-Metaboliten. Bei denjenigen neugeborenen Jungen, die im Mutterleib den höchsten Mengen von DEHP (Diethylhexylphthalat) ausgesetzt gewesen waren, war die anogenitale Distanz vier Prozent kürzer als bei den Babys, die den geringsten DEHP-Mengen ausgesetzt gewesen waren.

Die anogenitale Distanz, der Abstand zwischen After und Genitalien, gilt als Indikator für die Gesundheit des Reproduktionsapparats. Bei Männern ist dieser Abstand 50 bis 100 Prozent größer als bei Frauen. Deshalb vermuten Wissenschaftler, dass eine kürzere Distanz eine unvollständige Maskulinisierung signalisiert – dazu passen würde, dass man von Phthalaten weiß, dass sie imKörper Östrogen nachahmen können. In früheren Studien wurde zudem nachgewiesen, dass Phthalate wie DEHP die Hoden daran hindern können, männliche Sexualhormone auszubilden.

Bei den anderen zehn Phthalaten wurde keine Auswirkung auf die anogenitale Distanz festgestellt, auch die neugeborenen Mädchen blieben unauffällig.

Noch können die Forscher nicht sagen, ob eine verkürzte anogenitale Distanz Auslöser weiterer Gesundheitsprobleme sein könnte oder ob es sich bloß um einen nicht kausalen Indikator derartiger Veränderungen handelt. Auch lässt sich noch nicht sagen, ob die Veränderung dauerhaft ist oder ob sich die anogenitale Distanz normalisiert, wenn die Jungen älter werden.

Allerdings haben Tierstudien einen Zusammenhang zwischen einer verkürzten anogenitalen Distanz bei der Geburt und dem späteren Auftreten von Fortpflanzungsproblemen nachgewiesen. Untersuchungen an Menschen sprechen für Probleme bei der Samenproduktion und fürHodenanormalitäten.

Phthalate sind überall, aber Sie können ihnen trotzdem aus dem Weg gehen

2008 untersagten die USA die Verwendung von drei Phthalaten (darunter auch DEHP) in Kinderspielzeug, dennoch sind diese Chemikalien weiterhin allgegenwärtig. Shanna Swan, Hauptautorin der Mount-Sinai-Studie, hatte bereits 2000 bis 2002, 2005 und 2008 Studien durchgeführt und sagt, die jüngsten Ergebnisse schienen dafür zu sprechen, dass die Menschen immer weniger DEHP ausgesetzt würden. Und dennoch: Auch die jetzigen Mengen scheinen sich noch immer auf die Gesundheit auszuwirken.

»Wir sehen eine spürbare Verbindung zwischen der anogenitalen Distanz bei Männern und Phthalatwerten auf immer niedrigerem Niveau. Das spricht dafür, dass es möglicherweise kein Niveau gibt, bei dem man von Unbedenklichkeit ausgehen kann«, so Shaw.

Darüber hinaus kommen auch weiterhin in vielen weiteren Verbraucher- und Industrieprodukten Phthalate in großen Mengen zum Einsatz. Das Fachmagazin Environmental Health veröffentlichte im Juni 2014 eine Studie, derzufolge ein Kleinkind, das sich durchschnittlich ernährt, allein über die Nahrung und die Nahrungsmittelverpackungen doppelt so viel Phthalat zu sich nimmt, wie es die amerikanische Umweltschutzbehörde EPAfür sicher erachtet.

Was also kann man als besorgte Eltern oder besorgte Verbraucher unternehmen?

Swan rät dazu, industriell verarbeitete Lebensmittel zu vermeiden, da bei ihnen die Möglichkeit höher ist, dass sie mit Phthalaten in Kontakt kommen. 2010 stellte zudem eine Studie fest, wie man die Phthalatwerte im Urin sofort und sehr deutlich senken kann – indem man sich fünf Tage lang vegetarisch ernährt.

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