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Samstag, 7. November 2015

Alles muss ans Licht – das geheime Dossier des Vatikans: Die Händler im Tempel (Video)

Zwei neu erschienene Bücher geben Einblick in die verworrenen Finanzen des Vatikan – und beschreiben die Widerstände, auf die der Papst mit seinen Reformen stößt. Journalist Gianluigi Nuzzi bezieht sich auf interne Dokumente der Kommission für finanzielle Reformen, die Franziskus 2013 eingesetzt hatte. Wegen der Weitergabe der vertraulichen Dokumente hat es bereits zwei Festnahmen gegeben.  
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„Alles muss ans Licht“
Der deutsche Name klingt vielversprechend: „Alles muss ans Licht – Das geheime Dossier über den Kreuzweg des Papstes„, heißt das neue Enthüllungsbuch über den Vatikan, das der Journalist Gianluigi Nuzzi an diesem Donnerstag in Rom vorstellt. Der englische Titel „Merchants in the Temple“ (Händler im Tempel), klingt da wesentlich zurückhaltender.
So oder so: Bereits erste Auszüge, die in den vergangenen Tagen veröffentlicht wurden, haben Empörung ausgelöst. Ein Vatikansprecher sprach von einem schweren Vertrauensbruch gegenüber dem Papst. Dabei richten sich die Enthüllungen eher gegen die Kurie als gegen den Pontifex.
In Nuzzis Buch geht es um Geldgier im Vatikan, um Missmanagement – und um den Widerstand gegen die von Papst Franziskus angestoßenen internen Reformen. Der italienische Journalist beruft sich dabei auf Dokumente der Kommission für finanzielle Reformen, die ihm zugespielt wurden. Die Kommission war 2013 von Franziskus eingesetzt worden, um Informationen über die finanzielle Lage des Heiligen Stuhls zu sammeln. Dank interner E-Mails, Tonaufnahmen von privaten Gesprächen und Sitzungsprotokollen enthüllt Journalist Nuzzi nun, welche Kultur der Verschwendung und Geheimniskrämerei im Vatikan herrscht.
Alles muss ans Licht: Das geheime Dossier über den Kreuzweg des Papstes
Erste Details aus dem Buch
Missmanagement: Nuzzi zufolge gehen dem Vatikan jedes Jahr Millionen Euro an Mieteinnahmen aus seinem immensen Immobilienbesitz verloren, weil einzelne Mieter begünstigt werden. In einigen Fällen gewährt der Vatikan demnach Kardinälen oder Bürokraten Mieten, die 30 bis 100 Prozent unter dem ortsüblichen Marktdurchschnitt liegen. Statt der derzeit registrierten 6,2 Millionen Euro könnten ohne diese Rabatte etwa 191,4 Millionen eingenommen werden, schreibt Nuzzi. Einigen Kardinälen seien Apartments kostenlos überlassen worden – als Teil ihrer Gesamtvergütung oder eines Ruhestandspakets, wie die Kommission gemäß der Dokumente herausgefunden habe. Der Wert des gesamten vatikanischen Immobilienbesitzes liege der Kommission zufolge bei 2,7 Milliarden Euro und damit siebenmal höher als in den Bilanzen angegeben.
Chaotische Buchführung: Die Vatikanbank, schreibt Nuzzi, führe unter anderem Konten für längst Verstorbene. Zum Beispiel für die Päpste Johannes Paul I. (mehr als 110 000 Euro) und Paul VI. (etwa 400 000 Euro).
Geldgier: Das Geld, das sich der Vatikan an der einen Stelle entgehen lässt, streicht er andernorts ein: Journalist Nuzzi zeichnet das lukrative Geschäft, das hinter Selig- und Heiligsprechungen steht. Sogenannte Postulatoren sind für das bislang streng geheim gehaltenen Prozedere verantwortlich. Ihre Finanzen offenzulegen steht auf der Prioritätenliste der Reformkommission weit oben. Die Postulatoren beschäftigen sich unter anderem damit, „heroische“ Taten oder vollbrachte Wunder möglicher Kandidaten „aufzuspüren“ – eine Tätigkeit, die durchaus ihren Preis hat, wie Nuzzi weiter schreibt. Er schätzt, dass der durchschnittliche Preis für eine Seligsprechung bei etwa 500 000 Euro liegt und im Einzelfall auch 750 000 Euro erreicht. Das nötige Kleingeld dafür komme von Spendern, die ihre Kandidaten geehrt sehen wollen. Als die Papst-Kommission im Heiligsprechungs-Büro Unterlagen über Spenden und Bankkonten verlangt habe, hieß es dort, es gebe keine. Daraufhin seien kurzerhand die Konten der Postulatoren in der Vatikanbank eingefroren worden, berichtet Nuzzi.
Abwehr von Reformen: Wie umstritten die Aufklärungsarbeit der internen Ermittler im Vatikan ist, schildert der Journalist ebenfalls in seinem Buch. So habe es am 30. März 2014 einen Einbruch im Büro der Kommission gegeben, dabei hätten die Diebe genau gewusst, wo sich belastende Dokumente befanden. „Diese Aktion sollte als Warnung an alle verstanden werden, die mit diesen höchst delikaten Untersuchungen betraut sind; an diejenigen, die dem Pontifex die Werkzeuge liefern, um die Kurie zu revolutionieren“, schreibt Nuzzi.
Fast schon absurd klingt die Beschreibung eines Vorfalls um die Nummer zwei der Vatikanverwaltung, Giuseppe Sciaccia. Der Monsignore habe ein schickeres Apartment haben wollen – immerhin residieren einige Topbeamte in Wohnungen mit bis zu 400 Quadratmetern. Als Sciaccas Nachbar, ein älterer Priester, für längere Zeit im Krankenhaus lag, nutzte er die Gelegenheit, um seine eigene Wohnung zu vergrößeren: Sciacca durchbrach die Trennwand zwischen beiden Apartments und verleibte seiner eigenen Wohnung kurzerhand einen der Räume seines Nachbarn ein – inklusive Möbeln. Als der Priester schließlich das Krankenhaus verlassen konnte, fand er seine Sachen in Kisten vor. Kurz darauf starb er. Franziskus, der selbst gemäß seiner bescheidenen Art in einem Hotelzimmer lebt, degradierte Sciacca in seinem Rang und ließ ihn aus der Wohnung werfen.
Video: Der Vatikan – Superreich durch Blutgeld und Sklaverei



Festnahmen wegen Verdachts auf Vertrauensbruch
Im Zusammenhang mit den gestohlenen Dokumenten ließ der Heilige Stuhl unlängst zwei Mitglieder der Kommission für finanzielle Reformen verhaften. Der spanische Priester Lucio Ángel Vallejo Balda und die Vatikan-Mitarbeiterin Francesca Immacolata Chaouqui werden verdächtigt, die brisanten Dokumente weitergegeben zu haben.
Nuzzis Buch ist bereits sein zweites über Missstände im Vatikan. Mit ersten Enthüllungen hatte er 2012 den „Vatileaks“-Skandal ausgelöst. Damals stützte er sich auf Dokumente, die der Butler des damaligen Papstes Benedikt XVI. entwendet haben soll. Papst Franziskus folgte Benedikt mit dem klaren Auftrag, die Bürokratie im Vatikan zu vereinfachen und Ordnung in die undurchsichtigen Finanzen zu bringen (Blutgeld: Die gesegnete Geldvermehrung des Vatikans (Videos)).
Der Papst selbst hatte 2014 während seiner Weihnachtsbotschaft an Kardinäle, Bischöfe und Priester im Vatikan „15 Krankheiten“ innerhalb der Kurie angeprangert, darunter das „heuchlerische“ Doppelleben vieler und Fälle von „spirituellem Alzheimer“.
Vatikan AG: Ein Geheimarchiv enthüllt die Wahrheit über die Finanz- und Politskandale der Kirche
Weiteres Enthüllungsbuch über schwarze Konten
Noch ein zweites Buch, das an diesem Donnerstag erscheint. thematisiert Missmanagement, Bereicherung und Geheimniskrämerei im Vatikan. In „Avarice“ schildert Emiliano Fittipaldi, Vatikan-Reporter der Zeitung La Repubblica, unter anderem, wie Spendengelder aus dem Jahr 2013 über 378 000 Euro für die Armen in der Welt auf schwarzen Konten landeten – aus selbigen bedient sich demnach die Vatikanverwaltung, um Ausgaben zu decken.

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