Donnerstag, 10. September 2015

Verborgene Zusammenhänge: Wie der Mond unser Leben beeinflusst

Andreas von Rétyi

Seit urdenklichen Zeiten glauben Menschen an Auswirkungen des Mondes aufs irdische Leben. Ob nun Pflanzen, Tiere oder auch Menschen, sie alle unterliegen demnach den Rhythmen des Erdbegleiters. Skeptikern zum Trotz streiten sich die Gelehrten noch heute darüber, ob solche Einflüsse tatsächlich existieren. Und es gibt bereits faszinierende Belege.

Die Geschichte beginnt mit altem Erfahrungswissen, natürlich auch mit so einigen Mythen. Doch die haben bekanntlich oft einen wahren Kern. Der augenblickliche Stand der Wissenschaft entscheidet bei solchen Diskussionen allerdings wirklich nicht darüber, ob ein Phänomen real ist oder nicht. Dummerweise nehmen viele Forscher auch heute noch häufig eine ablehnende Haltung ein, sofern nachvollziehbare Erklärungen fehlen – fehlen im Sinne von: noch nicht gefunden sind.

Gerade beim Mond besteht keineswegs Einigkeit darüber, ob und in welchem Umfang er echte Auswirkungen auf das Leben hat. Und gerade beim Mond lässt sich feststellen, dass die Skepsis meist aus mangelndem Wissen zu Auslösefaktoren und Zusammenhängen resultiert. Kein Wunder, die Forschung steckt hier ja noch in den Kinderschuhen. Was will man also erwarten!

Nun gibt es aber dummerweise auch Wissenschaftler, die behaupten, bei Vollmond schlechter zu schlafen. Darüber hinaus liegen erste aussagekräftige Studien vor, die einen deutlichen Bezug zwischen dem irdischen Leben und unserem Mond herstellen. In antiker Zeit zweifelte kaum jemand an den verschiedensten lunaren Auswirkungen. Stichwort »luna«: Das lateinische Wörtchen für »Mond« demonstriert besonders deutlich, wie eng gerade auch die Verknüpfung mit dem menschlichen Gemüt verbunden wurde – tatsächlich steckt Luna auch in der »Laune« oder aber im Englischen »lunacy«, womit schlichtweg »Verrückheit« gemeint ist. Nicht zuletzt der Werwolfsglaube fußt auf einer alten Ansicht, derzufolge Menschen bei Vollmond aggressiver sind.

Auch finden sich zahlreiche frühe Berichte, aus denen der Glaube an Mondeinflüsse auf die Geburtenrate oder auch die Entstehung diverser Krankheiten hervorgeht. Sicherlich gehen manche lunare Auswirkungen im Meer der bedingenden Faktoren verloren. Gerade in unserer Zeit dürften andere Effekt mittlerweile oft überwiegen.

In jedem Fall fehlt der Wissenschaft eine sichere Grundlage, um die prinzipielle Möglichkeit eines »Mond-Faktors« einfach zu belächeln und abzustreiten. Im Gegenteil, etliche Zusammenhänge sind altbekannt und nachgewiesen. Dass der Mond als erdnächster größerer Himmelskörper gewisse Effekte haben dürfte, scheint ja nun wirklich keine besonders abwegige These zu sein.

Viele Tiere reagieren sehr deutlich auf den vierwöchigen Mondzyklus, das ist mittlerweile nachgewiesen. Bei der Einstundenmücke Clunio bestimmt das wechselnde Mondlicht den Fortpflanzungsrhythmus, auch die Vermehrung der Palolo-Meereswürmer im Südpazifik ist eng andie Mondphase gebunden, genau wie die Zyklen der Roten Mangrovenkrabbe oder auch des Grunion als einzigem an Land laichendem Fisch.

Bei Zierfischen wurde schon vor Jahren eine von der Mondphase abhängige, sehr deutliche Farbempfindlichkeit der Netzhaut gefunden, die – und zwar unabhängig von der direkten Sichtbarkeit des Mondes – auch beim Menschen auftritt: Unsere Gelbempfindlichkeit ändert sich im Mondzyklus und steigt bei Vollmond an. Hormonkonzentrationen, Blutzucker und andere biologische Werte ändern sich ebenfalls in diesem Rhythmus.

Die alten Ägypter verbanden in der großen Göttin Isis den Mond mit der Fruchtbarkeit. Der Menstruationszyklus der Frau gleicht wohl nicht von ungefähr der Umlaufdauer des Mondes, selbst wenn Skeptiker gerne einwenden, dass dieser Zyklus individuell zwischen etwa 24 und 35 Tagen variiert – demnach zu veränderlich sei, um einen tatsächlichen Zusammenhang finden und vor allem nachweisen zu können.

Nur, ob diese modernen und somit möglicherweise wiederum von zusätzlichen Einflüssen abhängigen Daten so aussagekräftig sind, ob sie wirklich die ursprünglichen Verhältnisse wiedergeben, das sei einmal dahingestellt. Jedenfalls wird statistisch ein merkliches Ansteigen an Fällen von Monatsblutung bei Voll- und Neumond attestiert. Was aber sagen neue Forschungen zum Einfluss des Mondes aus? Was beispielsweise gerade zu den sehr häufig behaupteten Schlafstörungen bei Vollmond?

2014 erklärten Wissenschaftler des Münchner Max-Planck-Instituts für Psychiatrie, hier keinen entsprechenden Zusammenhang finden zu können. Interessant, wie unterschiedlich demgegenüber doch die Aussagen einer Forschergruppe aus der Schweiz ausfallen.

Die Wissenschaftler um den Chronobiologen Dr. Christian Cajochen aus Basel kamen eher zufällig auf die Idee, Daten einer bereits abgeschlossenen Schlafstudie erneut zu analysieren und dabeinunmehr auf die jeweilige Mondphase zu achten. Im Jahr 2013 veröffentlichten sie ihre interessanten Ergebnisse in der Fachzeitschrift Current Biology. Sie erklären dabei, den ersten wirklich stichhaltigen Beweis dafür geliefert zu haben, dass der Mond unseren Schlaf beeinflusst.

Die Grundbedingungen zur Überprüfung erwiesen sich als ausgezeichnet: Im Schlaflabor waren die Teilnehmer weitgehend von Licht abgeschottet, schliefen zu ähnlichen Zeiten wie zu Hause, wurden aber nicht über die Mondphase informiert. Im Visier standen Hirnströme, Augenbewegung und die Ausschüttung bestimmter Hormone. Schon die subjektive Beschreibung zur Schlafqualität erwies sich als bemerkenswert, denn ausgerechnet während der Vollmondphase schilderten die Probanden auch einen schlechteren Schlaf.

Die Elektroenzephalogramme bestätigten die Abweichung durch eine 30-prozentige Abnahme an Delta-Wellen, die vor allem im Tiefschlaf verzeichnet werden. Auch wurde das »Schlafhormon« Melatonin während der Vollmondphase nur noch in halber Menge ausgeschüttet. Zum Einschlafen benötigten die Teilnehmer durchschnittlich fünf Minuten länger, insgesamt verringerte sich die Nachtruhe bei ihnen um immerhin 20 Minuten.

Die Ergebnisse scheinen eindeutig und konnten bis heute nicht effektiv widerlegt werden. Sie sprechen klar dafür, dass der Mond tatsächlich auf unseren Organismus wirkt. Und zwar auch, wenn man ihn gar nicht sieht und es im Raum absolut dunkel ist. Allein das Mondlicht selbst kann also kaum die Ursache für die Schlafstörungen sein. Und selbst in der pechschwarzen Tiefsee folgt Plankton den Mondphasen.

Am Tag-Nacht-Rhythmus des Menschen gibt es kaum etwas zu deuteln, jedermann kennt und spürt ihn am eigenen Leibe. Niemand bestreitet hier einen naturgegebenen Zusammenhang. Wirbewohnen eben diesen bestimmten Planeten, der sich in 24 Stunden einmal um seine Achse dreht – eine Bewegung, an die auch sämtliches Leben angepasst ist. Fast seltsam, dass im starken Kontrast hierzu jener andere natürliche Rhythmus, jener Rhythmus des Mondes, als biologisch wesentlicher Faktor vielfach noch deutlich unterschätzt wird.

Cajochens Gruppe resümierte seinerzeit allerdings: »Im Gegensatz zum Tag-Nacht-Rhythmus sind die Mondrhythmen nicht so offenkundig und schwieriger zu dokumentieren – aber sie existieren.« Die Problematik besteht vielleicht sogar weniger darin, dass die Rhythmen nicht so deutlich ausgeprägt sind, als in der Tatsache, dass Forscher bis heute herumrätseln, welche Mechanismen und Kräfte hier eigentlich im Hintergrund wirken.

Wie gesagt, am Mondlicht allein kann es nicht liegen. Und bei einer genaueren Betrachtung der Sachlage wird es auch mit der Gravitation und den Gezeiten schwierig. Denn Mondphase und  entfernung sind nicht aneinander gekoppelt; wegen der elliptischen Mondbahn kann es bei Halbmond manchmal zu vergleichbaren Gezeitenkräften kommen wie bei Vollmond, je nach augenblicklicher Distanz. Und Gezeiteneffekte bei Objekten von der Größe eines Tieres oder Menschen fallen verschwindend klein aus.

Am ehesten könnten sich durch den Mond im erdnahen Raum bedingte Veränderungen des Magnetfeldes auswirken, nur besteht hier noch so einiger Forschungsbedarf. Dass Magnetfelder allerdings Einfluss auf Enzyme sowie verschiedenste Abläufe im Organismus nehmen, steht bereits fest.

Auch Therapien mit gleichförmig pulsierenden Magnetfeldern werden immer populärer. Gesundheitlich hingegen nachteilige Effekte durch solar ausgelöste geomagnetische Stürme mit ihren völlig erratischen Schwingungen wurden ebenso wiederholt bestätigt. Doch bleiben genügend ungelöste Rätsel übrig. Genau deshalb lassen sich zahlreiche Effekte nicht einfach ausklammern.Nicht immer entscheidet bei ihnen die Mondphase, was die Sache noch verwirrender werden lässt.

Beispielsweise legen Erfahrungswerte nahe, dass das Wachstum einiger Pflanzenarten von der Monddeklination abhängt, also von der Winkeldistanz des Mondes vom Himmelsäquator, die sich in bekannten Grenzen fortwährend ändert.

Hier ist die Anstiegsphase ganz offenbar günstiger. Was das Thema »Mond und Pflanzenwachstum« betrifft, wird oft auch eine entsprechende Untersuchung von Prof. Dr. Hartmut Spieß vom Institut für Biologisch-Dynamische Forschung zitiert.

Professor Spieß führte eingehende Studien durch und stellt fest: »Die Ergebnisse enthalten den Hinweis, dass besonders im Samenbau und im Heilpflanzenanbau zur Erzeugung einer hohen Saatgutqualität bzw. einer spezifischen Ernährungsqualität – neben der allgemeinen Ertragsrelevanz – sich die Berücksichtigung lunarer Rhythmen zu empfehlen scheint.«

Alles in allem betrachtet, verbinden sich mit dem Mond ganz offenbar noch viele Lebensgeheimnisse, teils auch verlorenes Wissen, das erst allmählich wiederentdeckt wird, um von aufgeschlossenen Zeitgenossen entsprechend genutzt zu werden.
Quelle: Kopp Online 

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