Dienstag, 22. September 2015

Jetzt hat Washington den Nahen und Mittleren Osten verloren

F. William Engdahl

Allenfalls überraschend ist das Tempo der Ereignisse: Die verhängnisvolle Entscheidung der Bush-Regierung zur Invasion und Besetzung Afghanistans und später des Irak vom März 2003 liegt nur etwas mehr als ein Jahrzehnt zurück, und in dieser Zeit haben es die Vereinigten Staaten von Amerika geschafft, ihren strategischen Einfluss zu verspielen und alle Verbündeten im gesamten Nahen und Mittleren Osten zu verlieren.  

Nicht nur der schiitische Iran, der, wie Präsident Obama annimmt, mittlerweile Washington verpflichtet ist, sondern zum ersten Mal auch Saudi-Arabien und die arabischen Golfstaaten sowie Ägypten suchen neue Verbündete oder Kooperationspartner. Und die finden sie im Osten, nicht im Westen.

Am 11. September 1990 sprach Präsident George Herbert Walker Buch vor dem US-Kongress triumphierend von den Vereinigten Staaten als alleiniger Supermacht, die eine Neue Weltordnung schaffe. Die Sowjetunion war im Chaos auseinandergefallen. Während der Präsidentschaft Bush und Clinton bis heute war und ist Washingtons Politik darauf gerichtet, die Russische Föderation abzuwerten, zu zerstören, auseinanderzunehmen und aufzuteilen – genau das, was sie mit Gaddafis Libyen nach Hillary Clintons Krieg von 2011 getan haben.

In den 1990er-Jahren unterstützte Präsident Bill Clinton die Einführung der US-finanzierten wirtschaftlichen »Schocktherapie«. Erhebliche Unterstützung erhielt er dabei von seinem Freund, dem Milliardär und Spekulanten George Soros, und dessen Open Society Foundations.

Soros persönlich brachte Harvard-Boys wie Jeffrey Sachs nach Russland, nachdem sie zuvor bereits die Wirtschaft Polens, der Ukraine und anderer ehemals kommunistischer Staaten in Osteuropa zerrüttet hatten. Das korrupte Jelzin-Regime, das nichts tat als Wodka zu trinken und sich die Taschen mit Dollars vollzustopfen, kümmerte das Schicksal der russischen Landsleute herzlich wenig.

Für Washington haben sich die Dinge seit Anfang der 1990er-Jahre verändert. Heute sieht sich die alleinige Supermacht, der unanfechtbare Hegemon, stärker herausgefordert als jemals zuvor, während er in der schlimmsten Wirtschaftskrise seit den 1930er-Jahren versinkt. Die Regierung hat einen Schuldenberg von mehr als 103 Prozent des Bruttosozialprodukts aufgehäuft. Die reale Arbeitslosigkeit, nicht die gezinkte Berechnung des Arbeitsministeriums, liegt heute bei über 22 Prozent. Die Federal Reserve steckt im achten Jahr der schlimmsten Finanzkrise der Geschichte, unfähig, die Zinsen über null Prozent anzuheben.

Und jetzt zerstiebt der strategische Angelpunkt der globalen US-Machtprojektion seit 1945, nämlich die Kontrolle über den Energiefluss aus dem Nahen und Mittleren Osten, wie Zuckerwatte im Wind.

Panik in Washington

Der klarste Beweis für den Einfluss-Verlust der USA im Nahen Osten ist die Reaktion der Obama-Regierung auf die jüngsten Initiativen Russlands, die Washingtons Krieg in Syrien – den wahren Ursprung der gegenwärtigen Flüchtlingskrise, die in Europa zu sozialen Spannungen führt – beenden sollen.

Am 12. September kritisierte Obama Russlands jüngstes Vorgehen in Syrien. Er wies den russischen Aufruf zu stärkerer militärischer Kooperation gegen ISIS zurück und erklärte, Russlands Strategie, die syrische Regierung im Kampf gegen ISIS zu unterstützen, sei »zum Scheitern verurteilt«. Mit dem Hinweis darauf, dass die russische Hilfe direkt an die syrische Regierung von Bashar al-Assad fließe, dessen Rücktritt Washington fordert, wandte sich Obama gegen die gemeldete russische militärische Hilfe»Die von ihnen verfolgte Strategie, ›of doubling down‹ zugunsten von Assad, ist ein Fehler.« »Double Down« – den Einsatz verdoppeln – ist ein Begriff aus dem Blackjack, der hier eindeutig bedeuten soll, sich auf ein riskantes Abenteuer einzulassen, wenn man sich bereits in einer gefährlichen Lage befindet.

Die Logik von Washingtons Forderung nach Assads Rücktritt ist absurd. Wie der russische Außenminister Sergei Lawrow immer wieder betont, wird Russland, seit Jahrzehnten Verbündeter Syriens, die legitime Assad-Regierung auch weiterhin im Kampf gegen islamische Terroristen unterstützen»Ich kann nur noch einmal sagen, dass unsere Soldaten und Militärexperten dort sind, um russische militärische Hardware zu bedienen, der syrischen Armee im Einsatz dieser Hardware beizustehen. Und wir werden sie der syrischen Regierung auch weiter liefern, um ihreEinsatzfähigkeit im Kampf gegen den Terror sicherzustellen.«

Warum die Panik?

Washington gerät nicht deshalb außer Fassung, weil Russland die Lage in Syrien verschlimmern könnte. Nach über einem Jahr von Bombenangriffen durch Flugzeuge der USA und der NATO, die die gegenwärtige Flüchtlingskrise in der EU ausgelöst haben, könnte die Lage kaum schlechter werden, wenn es durch das russische Eingreifen gelingt, ISIS zu isolieren. Washingtons Kriegsfalken befürchten vielmehr, dass Russlands Strategie die Terrorherrschaft von ISIS erfolgreich beenden könnte.

Russland ruft zur Bildung einer internationalen Koalition auf und lädt die USA ein, sich dieser anzuschließen, gemeinsam mit Ländern in der Region und den Mitgliedern der Organisation des Vertrags über kollektive Sicherheit (CSTO). Bei einem Treffen am 15. September 2015 in Duschanbe, Tadschikistan, verurteilten die Staatschefs der CSTO-Mitgliedsländer den Terrorismus in Syrien und Irak, insbesondere den Terror des Islamischen Staates. Sie erklärten sich bereit, unter Aufsicht der Vereinten Nationen Truppen nach Syrien zu entsenden, genauso wie die NATO. Dass plötzlich zwei das Spiel spielen, ist eine neue Entwicklung, die Washington missfällt. Die CSTO-Länder wollen ihre Strategie zur Schaffung einer globalen Koalition gegen ISIS Ende September bei der UN-Generalversammlung diskutieren. Mitglieder der CSTO sind Russland, Belarus, Armenien, Kasachstan, Kirgisistan und Tadschikistan. Russland hat zudem diesen Monat den Vorsitz des UN-Sicherheitsrats inne.

Wie Thierry Meyssan, der französische Herausgeber von Voltaire.net, aus Damaskus berichtet, schließt die jüngste Unterstützung Russlands für den Krieg der Assad-Regierung gegen die Terroristen die Bildung einer gemeinsamen syrisch-russischen Militärkommission ein, zudem die Übermittlung russischer Satelliten-Aufklärung, das Eintreffen zahlreicher russischer Experten und die Lieferung moderner Waffen. Außerdem wird der syrische Hafen Latakia modernisiert und ausgebaut.

Der Ausbau des Hafens Latakia durch Russland hat die NATO auf dem falschen Fuß erwischt


In einem kürzlich erschienenen Spiegel-Bericht heißt es weiter, zu den jüngsten russischen Lieferungen gehöre auch der moderne Schützenpanzerwagen BTR-82A, der gegenwärtig von den Streitkräften Russlands und Kasachstans eingesetzt wird. Er kann rund um die Uhr Kampfhandlungen durchführen; seine wichtigste Waffe ist eine automatische 30-mm-Kanone, diepanzerbrechende Leuchtspurprojektile abfeuern kann sowie hochexplosive Brand- und Splittermunition und hochexplosive Leuchtspurmunition. Zusätzlich verfügt er über ein 7,62 mm Koaxial-Maschinengewehr und drei nach vorn weisende 81-mm-Rauchgranatwerfer auf jeder Seite.

Die Station des Schützen hat ein Tag/Nacht-Feuerkontrollsystem. Dem Panzerführer stehen moderne Kommunikation und topografische Landkarten zur Verfügung. Dank einer Überwachungskamera mit einem Laser-Entfernungsmesser kann er feindliche Ziele im Umkreis von drei Kilometern ausmachen. Und der Panzer verfügt über die robustesten russischen Turbo-Diesel-Motoren KAMAZ 740.14-300 mit 300 PS, er erreicht eine Spitzengeschwindigkeit von 100 km/Std. sogar in unebenem Gelände, durch den Wasserstrahlantrieb ist er schwimmfähig.

Gestützt auf russische Quellen glaubt der angesehene Blogger Saker, dass Russland der syrischen Armee auch Systeme für den Bodenkampf liefert, darunter Artillerieortungsradar (Radar, das die Stelle ortet, von der die Artillerie des Feindes abgeschossen wird) und elektronische Kampfsysteme. Saker betont, vom militärischen Standpunkt werde die Lage potenziell dadurch verändert, dass Russland den Hafen von Latakia wählt. Er schreibt:
»Die Russen haben offenbar die Stadt Latakia zu ihrem Anlieferungsort erkoren. Anders als Damaskus ist Latakia ideal gelegen: sicher, aber nicht zu weit von der Front entfernt und relativ nahe am russischen Stützpunt in Tartus. Der Flughafen und der Seehafen sind Berichten zufolge leicht zu schützen und zu isolieren. Es kursieren bereits Berichte, wonach die Russen die Landebahnen verlängert und die Infrastruktur des Flughafens von Latakia ausgebaut haben, man habe beobachtet, dass dort schwere AN-124 landeten. Und die russische Marine sendet bereits Schiffe zum Flughafen Latakia.«
Saker schlussfolgert:
»Mit anderen Worten, anstatt sich auf Tartus zu beschränken oder direkt in das exponierte Damaskus zu gehen, haben die Russen offenbar im Norden des Landes einen neuen Brückenkopf geschaffen, der zur Anlieferung von Ausrüstung und sogar von Truppen in die nördlichen Kampfgebiete genutzt werden könnte … Das würde übrigens auch die aufgeregten Gerüchte erklären, die Russen schickten ihre Marineinfanterie-Einheiten von der Krim nach Syrien: Marineinfanterie-Einheiten sind ideal für den Schutz solch eines Stützpunkts und wenn man bedenkt, dass die Front nicht allzu weit entfernt ist, wäre es für die Russen sehr sinnvoll, ihren Brückenkopf mit diesen Einheiten zu schützen.«
Wie ich bereits in einem früheren Artikel dargelegt habe, erleben wir eine russische Diplomatie, die Saudi-Arabien und den arabischen OPEC-Mitgliedern eine Alternative zu deren gescheiterter Strategie gibt, jeden Dschihad-Krieg gegen Assad zu finanzieren. Der neue saudische König und seine Berater haben offenbar verstanden, dass die neokonservativen Kriegsfalken, die ISIS, al Qaidas Nusra-Front und die Moslembrüder im Nahen und Mittleren Osten füttern, jetzt die Monarchie in Saudi-Arabien und anderen Golfstaaten ins Visier nehmen. Durch die Vermittlung eines informellen Endes des jüngsten von Washington geschürten sunnitisch-schiitischen Krieges hat Russland eine wichtige Stütze ausgeschaltet, die diese Kriege in Gang gehalten hat.

Damit bleibt nur Erdoğans Türkei als wichtiger Patron von ISIS. Es ist eine qualitativ neue Lage, seit der Krieg vor rund vier Jahren begann, und es ist ein idealer Zeitpunkt für Russlands verstärkte Unterstützung der syrischen Armee und der legitimen Regierung Assad sowie die neue internationale diplomatische Offensive zur Beendigung der Kampfhandlungen.

Das bringt vermutlich die Kriegsplaner in Washington vollkommen aus der Fassung. Sie merken, dass sie dabei sind, das letzte Quäntchen Macht oder Einfluss in den Ländern des gesamten Nahen und Mittleren Ostens, eingeschlossen den Iran – gegenwärtig das Zentrum von Obamas Nahmittelostpolitik – zu verlieren oder es bereits verloren haben. Am 21. September reist Irans stellvertretender Außenminister für arabische und afrikanische Angelegenheiten, Hossein Amir Abdollahian, nach Moskau zu Gesprächen über Nahost und Syrien. Iran arbeitet seit einigen Wochen sehr eng mit Russland an einer Strategie zur Beendigung der Bedrohung durch ISIS in Syrien.

Und Israel?

Ein wichtiger Faktor, der die Destabilisierung der Regierungen im islamischen Nahen Osten fördert, ist die Netanjahu-Regierung in Israel. Auch hier hat Putin geschickte Präsenz gezeigt, denn Netanjahu distanziert Israel in der Frage Iran von Washington. 

Laut einer Meldung der Nachrichten-Website DEBKA.file, die als Sprachrohr des israelischen militärischen Geheimdienstes und des Mossad gilt, hat Putin Ende August Israel vorgeschlagen, dass Moskau die Verantwortung für den Schutz der israelischen Gasfelder im Mittelmer übernimmt, und gleichzeitig Investitionen von sieben bis zehn Milliarden Dollar zur Entwicklung des größten Erdgasfelds Leviathan und den Bau einer Pipeline in Richtung Türkei angeboten. »Durch ein milliardenschweres russisches Investment in dem Feld würde es zu einem russischen Projekt, das weder Syrien noch die Hisbollah anzugreifen wagen würden, obwohl es Israel gehört.«

In dem Bericht wird behauptet, das Angebot sei »Ministerpräsident Benjamin Netanjahu in einem vertraulichen Telefongespräch und durch verschwiegene Gesandte unterbreitet worden«. Weiter heißt es bei DEBKA.file, die Enthüllungen über kürzlich verstärkte Militärhilfen für Syrien und die russische Zusammenarbeit mit iranischen Kräften in Syrien hätten das strategische Kalkül Israelsgrundlegend verändert: »Die israelischen Streitkräfte sind deshalb veranlasst, ihre Haltung über die syrische Front zu ändern und ihre Unterstützung für die ausgewählten Rebellengruppen zu überdenken, die im Süden Syriens die Linie gegen feindliche grenzübergreifende Angriffe durch Iran oder die Hisbollah auf Israel halten. Die Veränderung zeigte sich in Ansichten, die führende israelische Sicherheitskräfte in den vergangenen Tagen äußerten; sie sagen jetzt, es könnte besser sein, Assad im Amt zu belassen.«

Und weiter: »Russlands Luftwaffe und Marine sind die stärksten ausländischen Militärkräfte im östlichen Mittelmeerraum. Die USA stationieren nichts Vergleichbares. Israels militärische Stärke ist beachtlich, aber niemand sucht einen militärischen Zusammenstoß mit den Russen.«

Wenn der Bericht von DEBKA.file zutrifft, hat Russlands Strategie einer Diplomatie der Stärke für Frieden im Nahen Osten Washingtons Strategie für weltweite Kriege einen vernichtenden Schlag versetzt.

Wenn Russland in der Lage ist, eine echte, ehrliche Koalition von Ländern aufzubauen, um das von Washington geschaffene Frankenstein-Monster namens ISIS oder IS zu isolieren und auszuschalten, und es den Syrern zu ermöglichen, ihre Probleme mit dem gewählten Präsidenten Bashar al-Assad in freien Wahlen ohne Einmischung der US-finanzierten NGOs von George Soros oder der National Endowment for Democracy zu lösen, dann macht die Welt einen großen Schritt weg vom Krieg.

Quelle: KoppOnline 

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