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Samstag, 15. August 2015

Befreiungsschlag in Peking: China steigt in den Währungs-Krieg ein

Markus Gärtner 

China hat in einem Befreiungsschlag seine Währung um zwei Prozent abgewertet. Fallende Exporte und die stark abgebremste Konjunktur ließen der Führung keine andere Wahl. Denn vier Zinssenkungen seit November haben wenig geholfen. Jetzt sollen billigere Ausfuhren helfen. Die Notmaßnahme zeigt nicht nur, wie rasant die Konjunktur der zweitgrößten Volkswirtschaft an Dampf verliert. Sie weckt auch Zweifel am nötigen Reformkurs. Für den Westen sind das keine guten Nachrichten.

Dass Chinas gesamtwirtschaftliche Leistung derzeit immer noch um sieben Prozent wächst, glaubt kaum noch jemand. Die Industrieproduktion stagniert, die Exporte brechen ein, der Stromverbrauch ist schwach, der Autoabsatz sinkt neuerdings. An der Börse wurden beim jüngsten Crash 3,5 Billionen Dollar Aktienvermögen vernichtet.
Das ist fast so viel wie die jährliche Wirtschaftsleistung Deutschlands. Mehr noch: Der Immobilienmarkt und die Bauwirtschaft sind so schwach, dass die Stahlkocher zum ersten Mal in einer Generation zu Hause weniger verkaufen.

Also überschwemmen sie den Weltmarkt mit ihrem Stahl und erzeugen riesige Verwerfungen. Denn China produziert die Hälfte des gesamten Stahls auf der Welt. Seine Exporte sind so umfangreich wie die gesamte Produktion in Japan, dem zweitgrößten Stahlhersteller auf dem Planeten.

Chinas Stahl erreicht verschiedene Länder zu Preisen, die ein Viertel unter den lokalen Herstellungskosten liegen. Peking steigt also mit seiner schroffen Abwertung des Yuan, die stärkste bisher, nicht nur in den wogenden Währungskrieg auf der Welt ein, es überschwemmt auch westliche Märkte verstärkt mit überschüssiger Produktion.

Damit gibt es mindestens zwei Gründe, warum das wirtschaftliche Beben in China kein fernes Ereignis ist, mit dem wir in Europa nicht zu tun hätten. Die EU ist Chinas größter Handelspartner.

Zwar ist es auf den ersten Blick für europäische Konsumenten erfreulich, wenn chinesische Ausfuhren jetzt billiger werden. Das wirkt wie eine kleine Steuersenkung. Doch hinter der Abwertung des Yuan steht eine viel bedeutendere Geschichte. Und die muss uns Sorgen machen.

Der starke Yuan, der seit Jahren nach oben tendierte, war Teil des größten Reformschwenks in den vergangenen 20 Jahren. Das Land will weg von Billigexporten als Treibriemen der Konjunktur, weil es bei Lohnsteigerungen von 15 Prozent pro Jahr kein Billigland mehr ist.

Stattdessen soll der heimische Konsum künftig die Wirtschaft antreiben. Dabei hilft ein starker Yuan. Erstens, weil er mehr Kaufkraft bedeutet. Und zweitens erleichtert er chinesischen Firmen die Expansion in den Rest der Welt.

Denn mit einem starken Yuan können sie Firmen in Europa und den USA billiger kaufen und schneller Überkapazitäten aus China weg verlagern. Gelingt der Schwenk hin zum heimischen Konsum als Treibriemen der Konjunktur, kann China vielleicht auch seine schlimmen Umweltprobleme in den Griff bekommen.

Doch dieser große Reformschwenk ist nun in Gefahr, weil er das Wachstum dämpft. Die konjunkturellen Bremsspuren setzen die Führung in Peking unter Zugzwang. Der KP und dem Staatsrat wird es jetzt zu mulmig. Soll ein völliger Kollaps der Konjunktur verhindert werden, müssen weiter die Zinsen gesenkt und die Währung verbilligt werden.

Die Konsequenz werden größere Umstellungsprobleme für die Wirtschaft sein. Chinas Handelspartner – vor allem die Europäer ‒ haben es für längere Zeit mit einem angeschlagenen Absatzmarkt zu tun. Das betrifft vor allem deutsche Konzerne und Mittelständler, die sich einen guten Platz auf dem Trittbrett des langen China-Booms erobert hatten.

Große deutsche Investoren, die in China viele Milliarden investieren – wie Volkswagen, Bosch oder BASF ‒ müssen ihre Pläne für die Expansion in der Volksrepublik überdenken. Das betrifft auch die Wachstumspläne insgesamt und damit Arbeitsplätze in Deutschland.

Doch es geht um mehr als nur schwache Märkte und verhinderte Investitionen. Ein schwächeres China wird nationalistischer und aggressiver werden. Denn die Führung muss bei weniger Wirtschaftswachstum das 1,3-Milliarden-Volk irgendwie bei der Stange halten. Damit sind wachsende Spannungen, vor allem mit den USA, programmiert.

Im südchinesischen Meer nehmen die Konfrontationen bereits zu. Und Japan stellt sich mit der Änderung seiner Verfassung sowie mit beschleunigter Aufrüstung auf ein dauerhaft schwierigeresVerhältnis zu China ein.

Aus europäischer Sicht sieht das Ganze so aus: Die von den USA erzwungenen Sanktionen gegen Russland schneiden uns von einem strategisch wichtigen Markt ab und schaden unserer Wirtschaft viel mehr als den USA. Mit China wankt nun ein weiterer großer Schwellenmarkt, in dem deutsche Firmen bisher erfolgreich sind.

Wenn man noch Brasilien hinzurechnet, wo zehn Prozent der Wirtschaftsleistung mit Unterstützung deutscher Firmen erbracht werden, dann geht Deutschland gerade der kollektiv größte internationale Treibriemen auf diesem Planeten verloren. Aber wenn man hierzulande Zeitungen liest, besteht kaum ein Anlass zur Sorge. Die Kanzlerin wird schon alles richten.

Quelle: KoppOnline 



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