Mittwoch, 22. Juli 2015

Tsipras soll Putin um 10 Mrd. Dollar für den »Druck neuer Drachmen« gebeten haben

Tyler Durden

Als wir bereits im Januar sozusagen über den ersten Akt »offenen Ungehorsams« gegenüber Europa seitens der damals gerade neu gewählten griechischen Regierung berichteten (Nur zur Erinnerung: Tsipras legte als zweite Amtshandlung am Schießstand in Kaisariani, wo Nazis am 1. Mai 1944 200 Griechen erschossen hatten, Blumen nieder. Unter den Opfern befand sich auch der Bruder des Syriza-Europaparlamentariers Manolis Glezos), werteten wir dies als Beginn einer strategischen Neuorientierung Griechenlands weg von Europa in Richtung Russlands. 

Damals schrieben wir in Erwartung der Dinge, die dann später folgten:
»Europa wird vor allem darüber verärgert sein, dass sich Griechenland entschieden hat, dem Gemeinwohl Vorrang vor den Interessen ausländischer Investoren an griechischen Vermögenswerten einzuräumen. Die Verärgerung wird umso größer ausfallen, da die Privatisierungsverkäufe Griechenlands Teil der Hilfspakete sind.Und diese Vereinbarungen seien, wie die Troika wiederholt betont hat, nicht verhandelbar.«

Damals erklärten wir ausdrücklich weiter, und das war noch wichtiger, um seine Refinanzierung zu sichern (und sechs Monate später musste Griechenland schmerzlich erkennen, dass diese unmöglich ist), benötige das Land dringend einen Plan B, also alternative Finanzierungsquellen wie Russland und/oder China, die das Land finanziell über Wasser hielten, bis Griechenland seine eigene Währung ausgeben und sich auf das Leben außerhalb des europäischen Gefängnisses einrichten könnte:

»Die Deutschen waren ›not amused‹. Joachim Nagel, Mitglied des Direktoriums der Bundesbank, erklärte gegenüber dem Handelsblatt:
›Sollte die Fortführung des Hilfsprogramms für Griechenland infrage stehen, könnte dies bereits die geldpolitische Refinanzierung gefährden. Das hätte fatale Folgen für das griechische Finanzsystem. Die griechischen Banken würden dann ihren Zugang zum Zentralbankgeld verlieren.‹
Mag sein … Es sei denn, Griechenland findet eine neue, alternative Finanzierungsquelle – eine Quelle, die nichts mit dem mit den Interessen der Finanzmärkte verwobenen Internationalen Währungsfonds (IWF) zu tun hat. Die ›Rettungspakete‹ des IWF dienen ja lediglich als Deckmantel für die Umsetzung einer westlichen Interessen dienenden Politik und dem Zugriff auf die Vermögenswerte der ›geretteten‹ Gesellschaft im Rahmen ausufernder Privatisierungen… Dies bedeutet entsprechend, dass Russland (und China) nun zu wichtigen, natürlichen Verbündeten für Griechenland werden, was auch die folgerichtige Umorientierung in Richtung Moskau verständlich macht.«
Es ist irgendwie schon amüsant, dass wir am 27. Juni d.J., an dem Tag, an dem Tsipras das »schockierende« Referendum ankündigte, genau darauf noch einmal explizit hinwiesen. In einerTwitter-Meldung schrieben wir: »Liebes Griechenland, wenn Du einen Kredit der Asiatischen Bankfür Infrastrukturinvestitionen beantragen willst, schick einfach eine E-Mail an information@aiibank.org.«

Wie sich nun herausstellte, war das keineswegs ein Scherz; denn wenn man der griechischen Zeitung To Vima glauben kann, hatte sich Griechenland genau einen solchen Plan B zurechtgelegt, zu dem auch ein Kredit im Umfang von zehn Mrd. Dollar von Wladimir Putin gehörte, der dazu benutzt werden sollte, die Ausgabe einer neuen griechischen Währung zu finanzieren.

Laut Greek Reporter hatte der griechische Ministerpräsident Alexis Tsipras den russischen Präsidenten Wladimir Putin tatsächlich um zehn Mrd. Dollar gebeten, um so die Wiedereinführung der Drachme finanzieren zu können. Wenn das stimmt, war Griechenland mit anderen Worten in der Tat unserem Rat gefolgt und hatte sich an Russland und die BRICS-Staaten mit der Bitte gewandt, einen Exit aus dem europäischen Mahlstrom zu finanzieren. Greek Reporterweiter:
»Die Zeitung verweist auf das letzte umfangreiche Interview von Tsipras mit dem öffentlich-rechtlichen Sender ERT, in dem er erklärt hatte, damit ein Land ›seine eigene nationale Währung drucken kann, benötigt es Devisenreserven in einer starken Währung‹.«
Aber überraschenderweise lehnten sowohl Moskau als auch Peking Hilfe ab:
»Moskaus Reaktion bestand in dem vagen Hinweis auf eine Vorauszahlung in Höhe von fünf Mrd. Dollar im Zusammenhang mit dem Bau der neuen Erdgaspipeline South Stream, die durch Griechenland verlaufen soll. Dem Artikel zufolge wandte sich Tsipras ebenfalls erfolglos mit einer gleichlautenden Kreditbitte auch an China und den Iran
Tsipras hatte die Rückkehr zur Drachme bereits seit Anfang 2015 im Visier und zählte dabei auf russische Hilfe. [Wie To Vima ] berichtet, waren Panos Kammenos, Gianis Dragasakis, Gianis Varoufakis, Nikos Pappas, Panagiotis Lafazanis und andere wichtige Mitglieder der Koalition über seinen Plan informiert.
Bei seinem ersten Besuch in Moskau verurteilte Tsipras die Politik der Europäischen Union in der Ukraine und unterstützte das Referendum in den nach Loslösung strebenden Regionen im Osten der Ukraine. Zu diesem Zeitpunkt erkannte Deutschland, dass Griechenland sich auf eine Veränderung seiner Bündnisse vorbereitete, was den Zusammenhalt in der Euro-Zone bedrohen würde. Tsipras hoffte damals, Deutschland werde aufgrund dieser Drohung nachgeben und Griechenland einen umfassenden Schuldenschnitt anbieten. Zu dieser Zeit hing Tsipras noch der Illusion an, er könne Europa verändern, so die Zeitung weiter.
[To Vima] beschreibt ebenfalls eine Art ›geopolitischer Kontaktvermittlung‹. Bereits vor den Wahlen zum Europäischen Parlament im Mai 2014 sei Tsipras Leonid Resetnikow, dem Direktor des Russischen Instituts für Strategische Studien, vorgestellt worden. Vermittelt wurde der Kontakt durch den Professor für Russlandstudien, Nikos Katzias, der dafür später mit dem Posten des griechischen Außenministers belohnt wurde.«
Aber zur großen Überraschung war esPutin, der den Vorschlag in der Nacht des Referendums ablehnte:
»Für Tsipras war das Referendum vom 5. Juli eine Art Meinungsumfrage, um herauszufinden, was die griechische Bevölkerung über Europa und die Euro-Zone dachte. Aber in der Nacht des Referendums verlautete aus Russland, Putin werde eine griechische Rückkehr zur Drachme nicht unterstützen. Dies wurde an den folgenden Tagen ausdrücklich bestätigt. Danach hatte Tsipras keine andere Möglichkeit, als sich den Forderungen von Bundeskanzlerin Merkel zu beugen und [den Antrag auf] das dritte Hilfspaket zu unterzeichnen.«
Es war mit anderen Worten nicht das Versagen von Tsipras, den Ausgang des griechischen Referendums vorherzusagen, noch sein geheimer Wunsch zu verlieren, wie zuvor behauptet wurde (Man rechnete mit einem Sieg der Ja-Stimmen, aber die Griechen sprachen sich zu 61 Prozent mit einem klaren »Nein« aus), sondern die in letzter Minute erfolgte Ablehnung Putins und die »Entlassung« von Varoufakis, der mit Sicherheit zu den vehementen Befürwortern dieses Plans gehörte, die zur Kapitulation der griechischen Regierung führten.

Dies bedeutet zugleich, dass Merkel nun massiv in der Schuld Wladimir Putins steht, dessen Verrat an den griechischen »Marxisten« es der Euro-Zone ermöglichte, in ihrer gegenwärtigen Form weiter zu bestehen. Es bleibt die Frage, was Wlad im Gegenzug dafür erhält, dass er die griechische Regierung fallen ließ (und damit die erlesensten Vermögenswerte [Griechenlands] gerade den Kraken überließ, deren Schicksal in der Hand des früheren KGB-Mitarbeiters lag).

Man kann allerdings auch nicht ausschließen, dass To Vimaes mit der Wahrheit nicht immer so genau nimmt. Man sollte daher versuchen, von Varoufakis, der sich in der letzten Zeit öffentlich kaum zu Wort meldet, die wahre Geschichte zu erfahren. Sollte sich diese Darstellung bestätigen, gehörte sie mit Sicherheit zu den wichtigsten und zugleich am schnellsten unter den Teppich gekehrten Meldungen des Jahres. Denn sie würde belegen, dass Merkel ihren Traum eines vereinigten Europas nur dank dieses Mannes weiter träumen kann.

Zugleich verweisen diese Entwicklungen, wenn sie denn wahr sind, auf eine wachsende Spaltung zwischen Europa und den USA (die Merkel massiv drängen, auf die immer lauter werdenden Forderungen des Internationalen Währungsfonds (IWF) nach einem Schuldenschnitt einzugehen – ganz zu schweigen von der unverhüllten Einmischung des amerikanischen Finanzministers Jacob Lew bei den Verhandlungen über das griechische Hilfspaket) sowie den wachsenden Eindruck einer zunehmenden Annäherung zwischen Berlin (und Brüssel) und Moskau.

Die größte Leidtragende bei diesen realpolitischen Schachzügen wäre wieder einmal die normale griechische Bevölkerung.

Quelle: KoppOnline 

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