Montag, 1. Juni 2015

Paranoia – Wie die Eliten den eigenen Tod überlisten wollen

Michael Snyder

Eine Sache gibt es, die die Eliten dieser Welt mehr als alles andere fürchten – den Tod. Entsprechend verwenden sie außergewöhnlich viel Zeit und Energie darauf, sich vor Bedrohungen zu schützen, sich von der Bevölkerung möglichst fern zu halten und alles in ihren Kräften Stehende zu tun, um ihre Lebenszeit zu verlängern. Sie reisen mit mehreren Leibwächtern, bauen sich Schutzräume in ihre Häuser ein, kaufen Privatinseln am anderen Ende der Welt und stecken immense Summen in lebensverlängernde Technologien und entsprechende Technik. 


All diese Anstrengungen werden in dem verzweifelten Kampf geführt, einen Feind zu besiegen, der bislang noch nie besiegt werden konnte – Gevatter Tod. Heutzutage werden die Eliten immer paranoider, was dieses Thema angeht. Sie wissen, dass die Kluft zwischen Reich und Arm immer größer wird und dass sie das immer stärker zu Zielscheiben macht. Entsprechend boomen private Sicherheitsdienste und andere Unternehmen, die sogenannte »safe rooms« und Hochsicherheitsbunker für die Elite bauen. Viele Mitglieder der Elite leben in ständiger Furcht. Absolute Sicherheit geht ihnen über alles und sie sind bereit, ordentlich etwas springen zu lassen, damit sie sich sicher fühlen.
Am Montag veröffentlichte die New York Times einen Artikel, in dem es darum geht, dass Schutzräume bei der New Yorker Oberschicht immer stärker verbreitet sind:


»Um sich sicher zu fühlen (oder zumindest diesen Eindruck zu vermitteln), verschanzen sich die Reichen seit Jahrhunderten vor allem hinter Burggräben, hinter Toren oder hinter einer Armee. Selbst für diejenigen, die es sich leisten können, kommen derartige Methoden heutzutage in New York aber nicht wirklich in Frage. Und dennoch finden Hausbesitzer andere Wege, sich auch dann noch sicher zu fühlen, wenn jemand in ihr Heim eindringt. Wem eine Alarmanlage und ein Concierge nicht reichen, der kann dank aktueller Entwicklungen im Design und bei Baustoffen innerhalb seiner eigenen vier Wände ein wahres Fort Knox errichten – und dabei den Komfort einer Suite im »Four Seasons« genießen.
Die Welt ist derzeit ein sehr angsteinflößender Ort, vor allem für Menschen mit Besitz. Sie fühlen sich in die Ecke getrieben und bedroht, so Tom Gaffney, President von Gaffco Ballistics. Das Unternehmen hat in New York City eine Reihe von safe rooms installiert. Wenn man viel zu verlieren hat, ist einem Sicherheit, wenn man es sich leisten kann, viel Geld wert.«
Eliten, Oberschicht … das sind doch die Leute, die schon alles haben, glauben die meisten Amerikaner. Aber das stimmt nicht. Viele dieser Menschen leben in Angst und Schrecken. Manchmal sind die Bedrohungen echt, manchmal nur eingebildet.

In den vergangenen Jahren ist die Wut auf das »eine Prozent« stark gestiegen, im gleichen Maße wuchs die Angst der Ultrareichen. Viele von ihnen sind sogar so weit gegangen, sich auf der anderen Seite des Planeten Grundstücke für den Fall zuzulegen, dass die Dinge vollends aus demRuder laufen. Glauben Sie nicht? Hören Sie mal, was Robert Johnson vom Institute of New Economic Thinking vor ausverkauftem Haus in Davos erzählte:
»Die Ungerechtigkeit nimmt zu, die Erinnerungen an die Unruhen in Ferguson und die Occupy-Demonstrationen sind noch frisch in Erinnerung. Deshalb bereiten sich die Superreichen bereits auf die Folgen vor. Vor dicht gedrängten Zuschauerreihen in Davos erklärte der ehemalige Hedgefonds-Manager Robert Johnson, dass besorgte Fondsmanager an Refugien arbeiten: Ich kenne in aller Welt Hedgefonds-Manager, die sich an Orten wie Neuseeland eine Farm mit Landebahn kaufen, weil sie der Meinung sind, sie bräuchten eine sichere Zuflucht.«
Vor uns mögen sich die Eliten ihr ganzes Leben lang verstecken können, aber auch in Neuseeland wird sie der Alterungsprozess einholen, auch dort sterben die Menschen. Daran konnten bislang sämtlicher Reichtum und sämtliche Macht nichts ändern – der Tod ist unausweichlich. Aus diesem Grund ist die Elite seit jeher ganz besessen von den neuesten medizinischen Durchbrüchen. Alles, was die Zeit verlängern kann, die sie auf Erden haben, steht sehr hoch im Kurs.

In den vergangenen Jahren gelangen den Forschern massive technologische Durchbrüche. Deshalb hoffen nun viele Mitglieder der Eliten, dass bald radikale lebensverlängernde Maßnahmen am Markt sein werden, die es ihnen erlauben, viel länger zu leben als je ein Mensch zuvor. Hunderte Millionen Dollar pumpen die Eliten in entsprechende Technologien, von denen viele ziemlich vielversprechend zu sein scheinen. Hier ein Auszug aus einem Artikel in The Weekin dem es um diese neuen Technologien geht:
»Angetrieben werden die Unternehmer von der Gewissheit, dass den Menschen ein längeres und besseres Leben bevorsteht, wenn sie Organe, Extremitäten, Zellen und DNA umbauen, erneuern und umprogrammieren können. Zu der Forschung, die sie finanziell unterstützen, zählt die Suche nach den Geheimnissen, die hinter der unglaublichen Langlebigkeit einiger Organismen stecken, genauso wie der Bau von mikroskopisch kleinen Nanobots, die im Körper zirkulieren und ihn von innen reparieren. Es geht um die Frage, wie man angeborene DNA-Fehler korrigieren kann und um die Möglichkeit, das Gehirn zu digitalisieren. Dahinter steht die Theorie, dass der Geist das Ablaufdatum des Körpers deutlich überleben könnte.«
Klingt wie aus einem Science-Fiction-Film. Aber damit nicht genug. In der Elite gibt es viele Anhänger der Transhumanismus-Bewegung. Sie rechnen damit, dass wir eines Tages völlig mit der Technik verschmelzen und als eine Art Menschmaschine ewig leben. Es mag zunächst ziemlich bizarr klingen, aber es gibt jede Menge Wissenschaftler, die diese Dinge extrem ernst nehmen. Hier zum Beispiel ein Auszug aus einem Artikel, der gerade erst im Telegraph erschien:
»Reiche Menschen werden vermutlich innerhalb von 200 Jahrenzu Cyborgs, während sie immer stärker mit Technologie wie Computern und Smartphones verschmelzen, so die These eines Historikers.
Professor Yuval Noah Harari von der Hebräischen Universität Jerusalem bezeichnete die Verschmelzung von Mensch und Maschine als ›größte Evolution in der Biologie‹, seit vor vier Milliarden Jahren das Leben auf unserem Planeten begann.
Harari hat ein bahnbrechendes Buch über die Geschichte der Menschheit geschrieben. Er vertritt die Ansicht, dass die Menschheit sich zu gottähnlichen Wesen entwickeln wird, die den Tod überwinden und sich von den heutigen Menschen so sehr unterscheiden wie wir uns von den Schimpansen.
Als Rasse würden die Menschen von Unzufriedenheit angetrieben, deshalb könnten wir der Versuchung nicht widerstehen, uns ein ›Upgrade‹ zu verpassen, sei es durch Genmanipulationen oder durch Technik.«
Wow. Diese »Transhumanen« werden sich also so sehr von uns unterscheiden wie wir uns von den Schimpansen? Und diese Technologie wird nur den Reichen zur Verfügung stehen?

Als ich dies das erste Mal gelesen habe, musste ich an ein Zitat von Charles Darwin aus Die Entstehung des Menschendenken:
»In einer künftigen Zeit, die, nach Jahrhunderten gemessen, nicht einmal sehr entfernt ist, werden die zivilisierten Rassen der Menschheit wohl sicher die wilden Rassen auf der ganzen Erde ausgerottet und ersetzt haben. Wie Prof. Schaaffhausen bemerkt hat, werden zu derselben Zeit ohne Zweifel auch die anthropomorphen Affen ausgerottet sein. Der Abstand zwischen dem Menschen und seinen nächsten Verwandten wird dann noch weiter sein; denn er tritt dann auf zwischen dem Menschen in einem – wie wir hoffen können – noch zivilisierteren Zustande als dem kaukasischen, und einem so tief in der Reihe stehenden Affen wie einem Pavian, anstatt wie jetzt zwischen dem Neger oder Australier und dem Gorilla.« [Originalzitat aus dem Buch]
Schon immer sind die Eliten so an diese Dinge herangegangen – nach ihrer Selbstwahrnehmung stehen sie ganz oben auf der Pyramide. Und wenn die Technik erst einmal weit genug vorangeschritten ist, wird man einen »Gott« sowieso nicht mehr benötigen, denn dann ist man selber ein »Gott« und lebt ewig. Noch einmal Professor Hararizu diesem Thema:
»In den letzten Jahrhunderten haben wir erlebt, dass die Menschen immer mächtiger werden und dass sie die Krücken der Götter nicht länger benötigen. Jetzt sagen wir, wir brauchen überhaupt keinen Gott, sondern nur Technologie.«
Diese Einschätzung teilen andere Anhänger der Transhumanisten-Bewegung. Hier ein Zitat des bekannten Transhumanisten Mark Pesce, den ich kürzlich an anderer Stelle bereits zitierte:
»Menschen sterben, Planeten sterben, sogar Sterne sterben. Wir wissen das alles. Und weil wir es wissen, suchen wir nach mehr – nach einem Überwinden der Vergänglichkeit, einem Übergang in eine dauerhafte Form. Eine Flucht, wenn man so will, ein Aufhalten des Rads. Wir streben danach, uns mit perfektem Wissen und perfektem Willen auszustatten … wie Götter zu werden, das Universum in die Hand zu nehmen und es nach unserem Bild zu verwandeln − zu unserem Vergnügen.Wie auf Erden, so auch im Himmel. Das unvermeidliche Ergebnis der unglaublichen Unwahrscheinlichkeit, des Pfeils der Evolution, zieht uns in das Transhumane, die Erfüllung von Vernunft und Rettung, erreichbar durch gute Taten.«
Und was ist mit uns anderen? Die Wahrheit sieht so aus: Die Elite hat ganz gewiss nicht vor, uns alle ewig leben zu lassen. Tatsächlich ist der Großteil von ihnen der festen Überzeugung, dass jetzt schon viel zu viele Menschen den Planeten bevölkern. Ausführlicher habe ich mich in diesemArtikel zu dem Thema geäußert.

Wenn jeder seine Lebenszeit radikal verlängern kann, würde das Problem der »Überbevölkerung« aus ihrer Sicht natürlich nur noch schlimmer werden. Die Antwort lautet also: Nein, die faszinierenden neuen Technologien, von denen hier die Rede war, werden nicht für uns alle zur Verfügung stehen, sondern nur für diejenigen Mitglieder der Elite, die über reichlich Geld verfügen.

Voller Vorfreude blickt die globale Elite auf dieses glorreiche neue Zeitalter, in dem die Weltbevölkerung stabil bei etwa 500 Millionen liegt (was etwa 90 Prozent weniger als heute wären). Ihrer Meinung nach wird die neue Technologie eine Ära einläuten, in der Armut und Krankheit ausgemerzt sein werden. Die Menschen können dann ewig leben. Es wird eine Welt sein, die sie geformt und geprägt haben, Kriege und Konflikte werden dann der Vergangenheit angehören, alle werden dieselben Werte teilen und dieselben Ziele verfolgen. Es wird buchstäblich ein »Himmel auf Erden« werden und die Elite wird keine »Götter« mehr benötigen – sie selbst werden die Götter sein.

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