Freitag, 19. Juni 2015

Keine Heimat - wer schützt uns vor Amerika?

 (von Michael Hoppe) Der Kabarettist Volker Pispers hielt im letzten Jahr eine wahre Brandrede. Dabei hinterfragte er, warum wir Europäer nicht endlich erkennen, daß unser „Vorbildprojekt USA“ längst gescheitert ist. „Die USA ist Kapitalismus im Endstadium. Man lebt in einer völlig entsolidarisierten Gesellschaft. Die Reichen haben sich in speziellen Vierteln verschanzt mit Zugangscodes und Wachpersonal. Sie haben eigene Schulen, eigene Universitäten und eigene Krankenhäuser. 95 % aller amerikanischen Medien sind in der Hand von fünf reichen Familien. Ein Großteil der Amerikaner lebt auf der Straße oder in Vierteln, in die sich keine Polizei mehr hineintraut. Und obwohl Millionen von Menschen in den Gefängnissen sitzen, werden jedes Jahr 30.000 Amerikaner auf offener Straße erschossen. 80 Tote am Tag nennt man in anderen Ländern Bürgerkrieg … “


USA - Kapitalismus im Endstadium

Hierzulande galt lange die Formel: „Wenn du wissen willst, wie es bei uns in zehn Jahren aussehen wird, schau nach Amerika.“ Keine Nation hatte seit dem 20. Jahrhundert mehr Einfluß auf die Entwicklung unseres Planeten als die USA. Das „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“ war Sinnbild für Freiheit, Neubeginn, Abenteuer, Pioniergeist und die große Illusion, daß es jeder schaffen kann, reich, berühmt und … dabei glücklich zu werden.

Theoretisch stimmt diese These natürlich, doch die Praxis hat dem Modell USA längst seine Grenzen aufgezeigt. Denn nicht alle Menschen sind „fit“ genug für das kapitalistische “Survival of the Fittest“.

Seit der letzten Finanzkrise, bei welcher sage und schreibe 20.000.000 Amerikaner ihre Immobilie verloren haben und dadurch in die Privatinsolvenz gerutscht sind, ist die Kluft zwischen Arm und Reich noch weiter auseinandergegangen. Während die Reichen immer reicher werden, sind Millionen Menschen inzwischen wohnsitzlos, leben in Zeltstädten oder auf der Straße. Ein Prozent der Amerikaner besitzt 90 % aller Reichtümer – Tendenz steigend! Die Mittelschicht ist völlig von der Bildfläche verschwunden. Die Löhne sinken immer weiter, so daß die meisten Amerikaner mehrere Vollzeitjobs gleichzeitig benötigen, um überhaupt noch über die Runden zu kommen.

Auch universitäre Bildung ist kaum noch zu bezahlen. Die Studiengebühren haben sich in den letzten Jahren verdreifacht und sind inzwischen so hoch, daß viele Universitätsabsolventen bereits mit bis zu 100.000 Dollar Kreditschulden ins Berufsleben starten. Willkommen im Hamsterrad! Dazu kommt eine Multi-Kulti-Gesellschaft, in welcher der politisch-korrekt-unterdrückte Rassismus immer häufiger offen zu Tage tritt. Vor allem dann, wenn wieder einmal mit zweierlei schwarz-weißem Maß gemessen wird.

Und was das Sozialsystem angeht: Obwohl mehrere demokratische Präsidenten ihrem Volk zumindest eine staatliche Krankenversicherung ermöglichen wollten, hat der größtenteils aus Millionären und Milliardären bestehende, republikanerlastige Senat dies bis heute erfolgreich verhindert. Wer krank ist, ist raus und reiht sich ein in die langen Schlangen, die vor den städtischen Suppenküchen stehen.

Ausschließlich der Mammon regiert im großen Karriere-Wettbewerb „Jeder gegen Jeden“. Schwarze gegen Weiße. Demokraten gegen Republikaner. Juden gegen Christen, und alle zusammen gegen den Islam. Dollar gegen Yen, Dollar gegen Rubel, Dollar gehen Euro, Dollar gegen … die Außerirdischen! Seit „Independence Day“,  „Star Wars“ oder „Krieg der Welten“ wissen wir, daß selbst die Marsianer mit den Amerikanern in Konkurrenz stehen. Welch großes Glück für uns, daß UFOs deshalb ausschließlich in den USA landen ...

Aber Spaß beiseite! Fakt ist, daß viele Amerikaner kaum noch wissen, wie sie ihren Lebensunterhalt finanzieren sollen, während die amerikanische Wirtschaft angeblich boomt. Doch was boomt wirklich? In der Hauptsache sind es naturzerstörende Ölfördertechniken wie „Fracking“, die „Hightech-Militärindustrie“, der „Banken-Börsen-Raubtierkapitalismus“ und virtuelle Monopolisten wie Google, Facebook oder Microsoft. Die Erträge dieser Elite-Wirtschaft fließen jedoch fast ausschließlich in die Taschen der immergleichen „Investoren“.

Gutbezahlte Jobs hingegen sind Mangelware. 90 % aller in den USA verkauften Produkte werden inzwischen aus China importiert. Die „einfachen Arbeiten“ verrichtet meist das Millionenheer illegal arbeitender, jedoch staatlich tolerierter Lateinamerikaner. Und da über diesen permanent das Damoklesschwert der „Abschiebung“ hängt, arbeiten sie für dieselben Hungerlöhne wie ihre chinesischen Leidensgenossen im Reich der Mitte.

Weder westliche Medien noch Hollywood thematisieren diese Tatsachen. Der schöne Schein soll so lange als möglich aufrechterhalten werden. Während immer mehr Menschen durch das kapitalistische Raster fallen …
In seiner satirischen Brandrede stellt Volker Pispers eine Frage, die im Grunde alles aussagt über den inneren Zustand der „Supermacht“ USA: „Da hat man bis zum Mauerfall geglaubt, daß der Sozialismus etwas Schreckliches sei. Könnte es sein, daß für die Hälfte der heutigen Amerikaner der Lebensstandard der DDR im Jahre 1989 das Paradies auf Erden wäre?“
ab 47:23 

Die Verteidiger „westlicher“ Werte

Während die USA im eigenen Lande ein geradezu verheerendes Beispiel abgibt für das hochgepriesene, angeblich „urdemokratische“ Kapitalismusmodell, gibt man sich nach außen immer noch als großes Vorbild und globaler Verteidiger westlicher (= amerikanischer) Werte. Dieser Amerikanisierungs-Kreuzzug hat inzwischen auch die entlegensten Winkel der Erde erreicht. Der US-Rüstungsetat ist in etwa so hoch, wie der aller anderen Länder der Erde zusammen. Und obwohl der Westen seit Jahrzehnten eigentlich „kriegsfrei“ ist, teilt die USA die Erde in sogenannte „Militärzonen“ ein.

Um die Illusion von der permanenten Bedrohung aufrechtzuerhalten, braucht man natürlich passende Windmühlen. Die große Hollywood-Propagandamaschine suggeriert uns seit nunmehr zwei Jahrzehnten, daß nach dem Zerfall des Feindbildes UdSSR jetzt der „internationale Terrorismus“ - allgegenwärtig und omnipräsent - unsere Freiheit bedroht. Wenn wir es wagen, daran zu zweifeln, dann explodiert irgendwo eine Bombe und irgendein „arabischer Topterrorist“ vergißt seinen Reisepaß in irgendeinem Auto oder postet auf Facebook ein Bekennerschreiben.

„America under (permanent) attack!?“ Mit dem 11. September 2001 wurde der 3. Weltkrieg der Kulturen medienwirksam eingeläutet, und obwohl Tausende von Experten dieses „terroristische Spektakel“ äußerst kritisch hinterfragen, bleibt die Militärmaschine unbeeindruckt auf Kurs. Die amerikanische Kernaussage lautet dabei: „Nur weil du weißt, daß du paranoid bist, heißt das noch lange nicht, daß keiner dich bedroht!“ Überall lauern Gefahren, die nicht ernst genug genommen werden können und für deren „Bekämpfung“ jedes Mittel recht ist.

Vom permanenten Kriegsrecht im eigenen Lande über die globale Überwachung bishin zu Präventivschlägen gegen potentielle Feinde der heiligen und natürlich „urchristlichen“ Mission.
Inwieweit die Todesstrafe, diverse Foltergefängnisse oder die Liquidierung „Andersdenkender“ tatsächlich den biblischen Grundsätzen entsprechen, darüber könnte man sicher diskutieren. Aber beim „Kampf gegen das Böse“ heiligt eben der Zweck die Mittel. Und daß der Islam hier als Feindbild besonders gut taugt, das hat ja bereits jahrhundertelange christliche Tradition.

In seinem neuen Buch „Der Jesus-Deal“ beschreibt der bekannte Schriftsteller Andreas Eschbach eine interessante Tatsache: Wissen Sie, welches die sich am schnellsten ausbreitende Religion auf diesem Planeten ist? Viele würden vermuten, es sei der Islam. In Wirklichkeit sind es die „Wiedergeborenen Christen“ in den USA. TV-Prediger-Gehirnwäsche auf allen Kanälen macht's möglich. So sind zum Beispiel 18 Millionen Mormonen davon überzeugt, die wahren „Heiligen der letzten Tage“ zu sein. Ihr Prophet John Smith jr. hat die höchsten biblischen Wahrheiten nicht etwa in Jerusalem, sondern im Heiligen Land USA empfangen (wo auch sonst?). Insgesamt sind mehr als 150 verschiedene, oftmals sehr radikale „Erweckungsgruppierungen“ aktiv.

Nahezu die Hälfte der amerikanischen Bevölkerung bezeichnet sich inzwischen als „Wiedergeborene Christen“ und glaubt, daß „Gott ein Amerikaner ist“ und Amerika das gelobte Land. Die Evolutionstheorie wird immer häufiger angezweifelt und in vielen Schulen gar nicht mehr gelehrt. „Gott hat die Welt vor 5.000 Jahren erschaffen, und wer etwas anderes behauptet, der lügt!“ Vielerorts bereitet man sich auf Armageddon und die Wiederkehr Christi vor, der dann alle guten (amerikanischen) Christen erretten wird und den Rest der Welt ins Fegefeuer wirft. Wie naiv und gleichzeitig brandgefährlich so ein Weltbild ist, zeigen andere Religionen, die ähnlich eindimensional argumentieren.

Wer also vor „islamistischen Haßpredigern“ warnt, der sollte einmal einem amerikanischen Fernsehprediger zuhören oder einer öffentlichen Koranverbrennung beiwohnen. Und wer die ganz große Show liebt, gehe mit den Kux-Klux-Klan-Karnevalisten auf Ungläubigen-Kreuzigungs-Tour. Da erlebt man was! Da sind die Rollen noch klar verteilt! Wer nicht für uns ist, – so der „Wiedergeborene Christ“ George W. Bush – der gehört zur „satanischen Achse des Bösen“. Denn eines ist klar: „God loves (only) America!“

Auch in Sachen Religion ist die USA eines der Negativbeispiele unter den Nationen der Erde. In seinem Buch „The Divine Supermarket“ schreibt der Autor Malise Ruthven: „Religion in Amerika ist eine gigantische Multi-Milliarden-Dollar-Industrie, die Tausenden von Männern und Frauen Arbeit gibt und Menschen mit viel Talent und Ehrgeiz anzieht. Die Einkommen von Predigern wie Swaggart, Falwell, Robertson und Schuller gehen in die Millionen Dollar. Sie fliegen mit Privatjets in der Welt herum, frühstücken mit Präsidenten und plaudern mit Premierministern … “ Und das goldene Kalb der hohen westlichen Werte fliegt natürlich mit!

Was bedroht uns mehr: die Islamisierung oder die US-Amerikanisierung?

Der Autor und „Klardenker“ Andreas Popp fragt in einem im Januar 2015 erschienenen Artikel: „Wie groß ist die Gefahr einer Islamisierung Europas im Vergleich zu anderen Einflüssen? Das internationale Finanzsystem unter der Dollar-Leitwährung bringt uns zunehmenden Egoismus und Materialismus. Immer mehr Filialen z.B. von McDonald’s und Burger King werden in Europa errichtet. Hollywood-Filme, Fernsehserien und Popmusik beeinflussen unser Denken und Fühlen von Kindesbeinen an, rund um die Uhr. Sind es islamische oder US-amerikanische Nachrichten- und Rating-Agenturen, die unsere Meinungen und Märkte manipulieren? Wessen Geheimdienste dürfen uns ungestraft überwachen und auf europäischem Boden sogar die Menschenrechte verletzen? Wer versucht, mit dem Freihandelsabkommen TTIP die letzten Reste demokratischer Prinzipien in Europa zu vernichten? Wer veranlaßt unsere Regierungen dazu, Sanktionen gegen unsere Nachbarn zu verhängen und den Frieden in Europa zu gefährden? Und wessen Militärstützpunkte erobern expansiv den Planeten?“

Man könnte hier noch zahllose weitere Fragen stellen, die allesamt ein eher ungutes Licht auf unseren großen Nachbarn aus Übersee werfen. Da klingen einem doch gleich die Zeilen der Kultband IDEAL im Ohr: „Keine Heimat, wer schützt mich vor Amerika?“ Das ist sicher im nun 21. Jahrhundert eine gute, wenn nicht gar fundamentale Frage. Können wir uns der Sogwirkung dieser alles gleichschaltenden, kulturenauflösenden und sich am Banalen ergötzenden Scheinwelt überhaupt noch entziehen? Selbst im Angesicht der Tatsache, daß die USA gerade im Begriff ist zu implodieren? Oder sind wir alle schon zu getwittert und facegebooked, zu tief in die Walt-Disney-Fantasiewelt eingetaucht, mit Rambo und Barbie als illusionären Spiegelbildern, die uns aus unseren i-Phone-Selfies entgegenblicken? Lebende McDonald's Bürger, Halloween-Zombies und Coca-Cola-Weihnachtsmänner? Süchtig nach Starbucks-Coffee to go in Pappbechern? Nach Apps, Likes und Hashtags for figuring in Instagram? Je cooler, desto banaler, nichtssagender, einschläfernder … Cyberheimat, wer schützt mich vor Amnesia?

Die globale Konsum-Monokultur

An dieser Stelle muß gesagt werden, daß es hier nicht um Kritik an „den Amerikanern“ geht, von denen ein Großteil ja selbst „Leidtragende“ im globalen Raubtierkapitalismussystem sind, sondern um das System an sich! Im Zeitalter der alles niederwalzenden Mammon-Globalisierung sitzen wir als Erdenbürger sowieso alle im selben Boot. Wir folgen alle gemeinsam einer Illusion, deren Wahnsinn immer deutlicher zu Tage tritt und der immer bedrohlichere Ausmaße annimmt. Und durch Gehirnwäsche und kollektive Gleichschaltung entfernen wir uns immer mehr von unseren wahren Wurzeln.

Die schwedische Sprachwissenschaftlerin und Trägerin des „Alternativen Nobelpreises“ Helena Norberg-Hodge erklärt in einem Interview: „Die Gesellschaft, in der wir heute leben, nenne ich nicht „westliche Kultur“. Es ist keine Kultur, sondern vielmehr ein System von globalisierter Wirtschaft, das uns eine „Konsum-Monokultur“ aufzwingt – hier in Deutschland ebenso wie in Amerika (und auch in allen anderen Ländern).“

Nicht nur in den USA hat dieses materialistische und zutiefst geistlose System der „Konsum-Monokultur“ inzwischen eine fast unkontrollierbare Eigendynamik entwickelt. Der Schein kommt vor dem Sein, und der Profit steht über allem. Das Krebsgeschwür „Wachstum“ ist die monotone, universelle Botschaft für alle, die noch nicht gänzlich gehirngewaschen sind. Nicht das individuelle Gefühl, sondern der Konsumklimaindex definiert, ob es uns gut oder schlecht geht. Wir sind keine Menschen, sondern „Konsumenten“. Wir shoppen für die individuelle Freiheit und kaufen dabei alle dasselbe. Wir shoppen gegen die Sinnlosigkeit und versinken in einer uniformen Massenkultur. Wir ershoppen uns eine eigene Identität, indem wir fressen, was andere für uns vorgekaut haben. Ich shoppe, also bin ich?  Und wenn ich nicht mehr shoppen kann, dann bin ich niemand mehr?

Auch hierzulande hat die „Konsum-Monokultur“ die Gesellschaft längst erfaßt. Der Anblick zahlloser (weltweit) gleichgeschalteter Jugendlicher, die alle dasselbe Smartphone benutzen, dieselben Burger essen, dieselben Computerspiele spielen und dieselbe Musik hören, erinnert an futuristische Endzeitfilme. Jegliche Individualität wird systematisch und ökonomisch-medial plattgewalzt. Daß 90 % dieser Gleichschaltungsprodukte aus den USA kommen, besagt nicht, daß in den USA „das Böse“ lauert, sondern daß man uns dort in Sachen Kapitalismus eben ein paar Jahre voraus ist. Was wir dort sehen, ist – wie Volker Pipers es ausdrückt – Kapitalismus im Endstadium!

Natürlich könnte uns das als Warnung dienen. Doch wollen wir wirklich aus dem amerikanischen Vorbild lernen, oder verschließen wir weiter die Augen vor der Realität? Gerade hierzulande glaubt man ja noch immer, den „American Way of Life“ bis zur bitteren Neige gehen zu müssen. Komme, was wolle …

Der Kabarettist Volker Pispers formuliert diese Tatsache so: „Wir haben uns für den Kapitalismus entschieden und  glauben, es gebe dazu keine Alternative. Im Grunde gibt es deshalb nur noch ein einziges Gleis, auf dem unser Zug fährt. Das Ziel kennen wir – wir müssen nur nach Amerika schauen: der Abgrund! Natürlich können wir wählen gehen und alle vier Jahre den Zugführer austauschen, und dennoch wird sich nichts ändern. - Außer wir ziehen die Notbremse! Wir ziehen die Notbremse, halten inne und fragen uns, wie wir wirklich leben wollen. Hier in Europa und überall auf der Welt!
Doch das will der Deutsche nicht!
Der hofft stattdessen, im letzten Waggon zu sitzen, der oben an der Kante des Abgrunds hängenbleibt ... “

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