Dienstag, 5. Mai 2015

Warum automatisch jeder beim Begriff #Lügenpresse an den #Spiegel denkt

Peter Harth

Der Spiegel galt lange als Sturmgeschütz der Demokratie. Jetzt verliert das Nachrichtenmagazin nicht nur seinen Rückhalt im Volk. Auch Journalisten gehen auf Distanz zu ihrem Leitmedium. Aus guten Gründen: »Die Leute wollen klare Informationen, keine Agitation.« Den arroganten Spiegel-Redakteuren fehlt der Respekt. »Nicht nur gegenüber den Leuten, die ihre Gehälter finanzieren, sondern auch vor der Wahrheit.« Das größte Problem ist aber die absolute Intransparenz hinter den Kulissen.

»Wer lässt sich schon gerne für dumm verkaufen und bezahlt auch noch dafür? Ich nicht. Und darum habe ich nun, nach etlichen Jahren, mein Spiegel-Abo gekündigt. […] Ich habe zurzeit schlicht keine Ahnung, ob stimmt, was im Heft steht. Ich kann mich nicht darauf verlassen.« Diese Zeilen sprechen vielen ehemaligen Spiegel-Lesern aus der Seele. Aber Achtung: Geschrieben hat das hier ein Journalist, Thilo Baum. Auch er findet, dass solch ein Heft »derzeit nicht lesbar« ist.

Wenn sich nun sogar schon die schreibende Zunft vom einstigen Leitmedium distanziert, ist die Lage mehr als ernst. Das Magazin war lange Vorbild, eine Instanz. Seinem investigativen Qualitätsjournalismus eiferte jeder Provinzreporter nach.

Spiegel-Journalismus: Wer eine Meinung hat, braucht keine Fakten

Vorbei: Jetzt erstarrt der Spiegel in seinem eigenen, zementierten Weltbild. Die Meinung steht schon vor der Recherche fest, Fakten werden entweder verschwiegen oder kommen in ein Korsett mit Stützrädern – abseits der vorherbestimmten Schiene darf nichts mehr ablenken. Ein Spiegel-Leser hat besser keine eigene Meinung – sonst wird er sofort besserwisserisch belehrt.

Kopp-Leser kennen das Leid mit dem gelenkten Leitmedium schon länger. Hier nur ein kurzer Überblick: Besonders seit dem Ukraine-Krieg fälscht der Spiegel die Wahrheit, wird zur Propagandaschleuder oder erklärt Kritiker im Netz zum fremdgesteuerten Online-Mob aus Russland. Umfragen zur Kriegsbegeisterung der Deutschen werden manipuliert und Deutschland soll zur Front geschrieben werden, denn Russland ist der Kriegstreiber.

Sogar ein Aufruf »Stoppt Putin jetzt!« landet auf der Titelseite. Nach dem absehbaren Proteststurm versteckt sich das Nachrichtenmagazin dann plötzlich hinter der Behauptung: Das sei doch nur die»Haltung der Bundesregierung«.

Tiefflug in den alltäglichen kleinen Irrsinn des Spiegel

So viele Fehler sind kein Zufall. Deshalb misstrauen immer mehr Leser dem Nachrichtenmagazin. Oft bleiben ihnen aber nur die ganz großen Entgleisungen im Gedächtnis, weil sie wütend machen. Das ist menschlich, doch so erfahren wir nicht, wie die Journalisten an der Hamburger Ericusspitze genau ticken.

Also greifen wir jetzt zur Lupe und wir sehen auch viele Täuschungen bei den kleinen Themen, nicht nur eine manipulierte Titelgeschichte. Das Verzerren der Wahrheit hat beim Spiegel also System. Bisher sind diese vielen kleinen Fehler ja unter dem Radar geblieben, weil Journalisten die gehetzte Öffentlichkeit ständig mit neuen Themen überschütten. Aus den Augen, aus dem Sinn.

Der Journalist Thilo Baum kündigte sein Abo, nachdem er dieses Radar ausschaltete und einmal auf Tiefflug in den alltäglichen kleinen Irrsinn des Spiegel ging. Seine Details verraten, was mit den Leuten dort nicht stimmt. Er hat dafür zwei Beiträge durchleuchtet, die viele überlesen werden. Einmal ein Gespräch mit einer Prostituierten, dann suchte der Spiegel soziale Ausbeutung bei einer Firma ohne Betriebsrat, fand sie aber nicht und musste deshalb Fakten verschweigen. Was wirklich wichtig ist: Wie gingen die Spiegel-Leute an ihre Beiträge heran?

Hier offenbart sich eine Systematik des journalistischen Versagens:

# 1 Journalisten haben ein »Skript« im Kopf: Baum schreibt: Die Spiegel-Journalisten »gehen ganz offensichtlich mit einem Skript im Kopf an die Arbeit. […] Die Tendenz eines Beitrags steht offenbar fest, bevor man zur Recherche ausrückt.«

# 2 Informationen werden verschwiegen: »Widersprechen die recherchierten Informationen dem Skript im Kopf, ignoriert man sie oder biegt sie sich zurecht.« Das ist tendenziöse Berichterstattung.

# 3 Der Spiegel will agitieren: Diese »manipulative Meinungsmache« funktioniert beim Spiegel so gut, weil die Journalisten ihre persönliche Meinung, ein »abstruses Welt- und Menschenbild« in ihren Beiträgen verewigen dürfen. Hier geht Baum natürlich zu weit, denn wer recherchiert, muss sich am Ende eine Meinung bilden, wenn er darüber schreiben will. Allerdings steht der rote Fadenbeim Spiegel bereits vor jeder Recherche fest – die Wahrheit wird überhaupt nicht mehr gesucht. Spiegel-Leser wissen also nicht mehr, sie bekommen nur Meinungen statt Fakten.

# 4 Kein Respekt – der Leser wird bevormundet: Die Journalisten beimSpiegel können nicht einfach nur berichten, selbst wenn sie es sollen. Sie sind unrettbar »meinungsgetrieben«, wollen uns in die »Richtung lenken, in der wir denken sollen«. Baum wählt hier das Beispiel Hitler – im Übrigen ein Lieblingsfetisch an der Ericusspitze. Die unzähligen Hitler-Titelgeschichten füllen Bände. »Es ist wieder ein Denken auf Autopilot: Hitler muss man runtermachen, wo es geht – das ist der Leitgedanke. Also liest der Leser vor allem jede Menge irrelevante Meinung statt einfach nur einen Bericht.« Das Ganze erfüllt natürlich seinen Zweck: Bevormundung. »Es ist eine Frechheit, uns zu unterstellen, wir bräuchten fremde Hilfe zum Denken und es ist übergriffig, uns eine Haltung vorzuschreiben.«

# 5 Was der Spiegel macht, ist kein Journalismus: »Es ist belehrend, antiliberal, besserwisserisch, es ist Agitation. Und zugleich ist es das Ergebnis elementaren Unwissens, von mangelnder Lebenserfahrung und von Naivität. Dafür bezahle ich sicher nicht mehr regelmäßig Geld.« Baum bringt die »Kundenorientierung« ins Spiel, die beim Spiegel völlig fehlt: Leser suchen Informationen – aber bekommen Belehrung und Manipulation. Die Journalisten haben also das falsche Selbstverständnis: »Die Leute müssen runter vom hohen Ross und mehr Respekt zeigen.Nicht nur gegenüber den Leuten, die ihre Gehälter finanzieren, sondern auch vor der Wahrheit.«

All das ist richtig und wichtig, aber Baum macht einen Fehler. Der Leser ist mit Sicherheit nicht der einzige Kunde der Presse. Baum zeichnet Journalisten nur als Punkt auf einem weißen Blatt Papier. Ein einzelnes, kleines Atom, das um einen strahlenden Kern namens »Leser« kreist. Journalisten waren aber noch nie allein.

Um den Hals der Journalisten: die transatlantische Führleine

Sie sind so genannte Meinungs-Multiplikatoren. Was sie schreiben, beeinflusst viele. Entsprechend werden sie auch umworben, beeinflusst, in einflussreiche Netzwerke eingewoben. Sie suchen aber auch die Nähe zur Macht – oder um es anders zu sagen: Journalisten sind auf Linie mit den Eliten. Sie wechseln erstaunlich oft die Seiten, arbeiten dann für Politik, Staat und Wirtschaft – und informell noch für ganz andere Stellen. Uwe Krüger analysierte im Schatten der Ukraine-Krise besonders Auslandsjournalisten der deutschen Leitmedien. Was er um ihren Hals fand, kann man durchaus »transatlantische Führleine« nennen: Enge Verbindungen zu US- und NATO-nahen Organisationen.

Der Spiegel – so, wie er ist – ist also kein Unfall. Dort herrscht auch nicht nur die Dekadenz eines Leitmediums in der Auflagenkrise. Das Nachrichtenmagazin konnte noch nie ohne Tendenz, Bevormundung oder Indoktrination. Der Spiegel agierte wohl schon immer manipulativ, nur in den letzten Jahren machte es das Internet mehr und mehr für den normalen Leser möglich, dies auch zu durchschauen. So fällt es den Deutschen angesichts der gelenkten Berichterstattung zum Ukraine-Krieg jetzt besonders auf – weil die pro-ukrainische Tendenz im Spiegel so weit weg ist von der gefühlten Stimmung im Volk.

Der Leser, das fünfte Rad am Wagen

Deshalb reicht es nicht, alles auf verwirrte Journalisten mit einem »abstrusen Welt- und Menschenbild« zu schieben, wie es der Journalist Thilo Baum tut. Ja, der Spiegel wird immer»unlesbarer«, aber die Floskel »Kundenorientierung« ist kein Ausweg.

Der Spiegel bedient wie alle journalistischen Medien viele Hände, die ihn füttern. Doch jeder seiner Kunden will etwas anderes: Leser, Anzeigenkunden, Verleger, Konzerne, Politiker, Lobbyisten, andere Eliten und eben auch staatliche oder transatlantische Interessengruppen.

Wie bei einem Eisberg taucht zwar der Leser an der Spitze auf, der große Rest liegt aber unter der trüben Wasseroberfläche. Was sich dort abspielt, bleibt der Öffentlichkeit verborgen und erinnert oft eher an Prostitution. Deshalb muss man zu den fünf Gründen von Thilo Baum noch einen weiteren hinzufügen:

# 6 Absolute Intransparenz: Sie ist nicht nur die Ursache für alle Probleme, die Intransparenz sorgt auch dafür, dass sich im Journalismus nichts bessern wird. Baums Forderung nach mehr »Kundenorientierung« müssten ehrliche Journalisten beim Spiegel deshalb so beantworten: »Welchen unserer Kunden meinen Sie denn bitte? Sorry, wir sind hier in einer paradoxen Situation. Was der eine will, schädigt den anderen.« Bisher bleibt der Leser bei diesem Wettrennen immer der Verlierer. Wie ein fünftes Rad am Wagen, das im Kofferraum mitfahren darf. Dort bezahlt er den Journalisten weder direkt, noch bekommt er ihn je zu Gesicht, und wo die Reise hingeht, sieht er auch nicht.

Quelle: KoppOnline 

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