Mittwoch, 13. Mai 2015

Ein Amerikaner in Moskau: »Warum ich bei der Parade geweint habe«

F. William Engdahl

In Russland ist gerade Ungewöhnliches geschehen, das unsere Welt vielleicht dem Frieden einen Schritt näher gebracht hat, weg von der Gefahr eines drohenden neuen Weltkrieges. So unwahrscheinlich es auch scheinen mag: Im ganzen Land erinnerten sich die Menschen an die 27, wenn nicht gar 30 Millionen Sowjetbürger, die aus dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr heimkehrten.


Doch was wir am 9. Mai, dem Tag des Sieges über Nazideutschland, überall in Russland erlebten, lässt sich eigentlich nur spirituell beschreiben; es war weit mehr als das Gedenken an den 70. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkriegs 1945. Die bewegenden Ereignisse zeigten eine Stimmung, die der Autor so in seinem Leben noch nie gesehen hat.

Die Veranstaltung war in jeder Hinsicht außergewöhnlich. Allen Beteiligten war bewusst, dass sie die Geschichte prägten. Es war nicht die übliche Darstellung der militärischen Stärke Russlands zum 9. Mai. Natürlich wurde auch das modernste russische Rüstungsgut präsentiert, darunter die beeindruckenden neuen T-14-Armata-Panzer und die Suchoi-Su35-Kampfflugzeuge. Es war ein wahrhaft beeindruckendes Schauspiel.

Im militärischen Teil der Feierlichkeiten traten zum ersten Mal Elitesoldaten der chinesischen Volksbefreiungsarmee auf, die in gemeinsamer Formation mit russischen Soldaten marschierten. Das allein sollte ausreichen, den neokonservativen Kriegsfalken in der EU und in Washington Schauer das Rückgrat hinunter zu jagen – sofern sie überhaupt Rückgrat besitzen. Die Allianz zwischen den beiden großen eurasischen Mächten Russland und China entwickelt sich rasant zu etwas Neuem, das die Wirtschaftsdynamik der Welt verändern wird, weg von einer von Schulden, Wirtschaftskrise und Kriegen geprägten Dynamik hin zu entstehendem allgemeinem Wohlstand und Entwicklung, wenn wir das Unsrige dazu beitragen.

Mit seinem Besuch ehrte Chinas Präsident Xi nicht nur sehr deutlich den russischen Sieg und dessen Bedeutung für China, sondern er traf auch mit Wladimir Putin zusammen. Bei dem Gespräch herrschte Einigkeit, dass Chinas neue Hochgeschwindigkeits-Eisenbahn-Infrastruktur der Neuen Seidenstraße Eingang in die Planung der Eurasischen Wirtschaftsunion finden wird. Die Union besteht zurzeit aus Russland, Weißrussland, Kasachstan und Armenien, weitere Beitrittskandidaten stehen bereit. Was jetzt wie ein offensichtlicher Schritt wirkt, war bisher alles andere als gewiss.
Die beiden großen eurasischen Länder haben umfangreiche bilaterale Verträge über die Lieferung von Erdöl und Erdgas sowie Handelsverträge und Vereinbarungen über militärische Zusammenarbeit abgeschlossen, um ihre Wirtschaftsinfrastruktur zu integrieren. Nach seinem Treffen mit Xi erklärte Putin vor der Presse: »Die Integration der Eurasischen Wirtschaftsunion und der Seidenstraßen-Projekte bedeutet ein neues Niveau der Partnerschaft; sie impliziert einen gemeinsamen Wirtschaftsraum auf dem Kontinent.«

Damit wird Zbigniew Brzezińskis schlimmster geopolitischer Albtraum wahr. Und mit seiner und der Washingtoner Kriegsfalken kurzsichtig-dummen geopolitischen Strategie hatte Brzeziński für Peking und Moskau klar gemacht, dass ihre einzige Hoffnung auf souveräne Entwicklung frei vom Diktat der einzigen Supermacht Washingtons und der Wall Street darin besteht, einen Währungs- und Wirtschaftsraum unabhängig von der Dollar-Welt aufzubauen.

Die Parade der Guten

Der ungewöhnlichste Teil der ganztägigen Veranstaltungen war aber nicht die Vorstellung militärischen Geräts in einer Zeit, in der die NATO nicht nur gegenüber Russland mit dem Säbel rasselt, sondern militärisch in der Ukraine eingreift, um Russland zu einem wie immer gearteten Krieg zu provozieren.

Das Ungewöhnliche der Siegesparade vom 9. Mai war der Erinnerungsmarsch der Bürger, eine symbolische Parade, die als der »Marsch des Unsterblichen Regiments« bekannt ist, ein Zug durch die Straßen Moskaus zum berühmten, schönen Roten Platz. Der Platz erhielt seinen Namen übrigens nicht, wie viele im Westen meinen, von den »roten« Bolschewiken, sondern von Zar Alexei Michailowitsch Mitte des 17. Jahrhunderts nach einem russischen Wort, das heute »rot« bedeutet. Ähnliche »Unsterbliches-Regiment«-Paraden gab es gleichzeitig in ganz Russland, von Wladiwostok bis St. Petersburg und Sewastopol auf der jetzt russischen Krim. Insgesamt nahmen zwölf Millionen Russen daran teil.

In einer Atmosphäre der Ehrerbietung und Ruhe zogen etwa 300 000 Russinnen und Russen – die meisten mit Fotos oder Porträts von Angehörigen, die nicht aus dem Krieg zurückgekehrt waren –an dem schönen sonnigen Frühlingstag durch Moskau zum Roten Platz, an dem auch der Amtssitz des Präsidenten, der Kreml, liegt.

Die Gesichter Tausender und Tausender normaler Russen zu sehen, strahlend vor Optimismus über ihre Zukunft, Junge und sehr Alte, unter ihnen auch Veteranen des Großen Vaterländischen Krieges, wie er in Russland heißt, rührten den Autor zu Tränen. Im Lächeln und in den Augen der Demonstranten lag keine Rückschau auf die Schrecken dieses Krieges, sondern es zeigte sich eine Geste liebenden Respekts und Dankbarkeit für diejenigen, die ihr Leben gaben, damit das heutige Russland geboren wurde – ein neues, in die Zukunft schauendes Russland, das im Zentrum des Aufbaus einer Alternative steht. Einer Alternative nicht nur zu der Eine-Welt-Diktatur unter einer »Dominanz auf allen Ebenen« des Pentagon und eines Dollar-Systems, das auf Schulden und Betrug aufgebaut ist. Ganz Russland vermittelte ein Gefühl, gut und siegreich zu sein. Das Gefühl haben nur wenige in der heutigen Welt.

Als die Fernsehkameras Präsident Putin ins Bild nahmen, der dort mitging, sah man ihn frei und offen unter Tausenden von Bürgern, er hielt ein Bild seines verstorbenen Vaters, der im Krieg gedient hatte und 1942 schwer verwundet worden war. Putin war nicht von gepanzerten Fahrzeugen umgeben wie jeder US-Präsident seit dem Kennedy-Mord 1963, sofern er es überhaupt wagt, einer Menschenmenge so nahe zu kommen. In Putins Nähe waren drei oder vier Sicherheitsleute, aber Tausende normaler Russen umringten ihn direkt, einen der einflussreichsten Staatsmänner der Gegenwart. Nirgends war auch nur eine Spur von Angst erkennbar.

Meine Tränen

Meine Tränen über die stillen Demonstranten und Putin unter ihnen waren eine unbewusste Reaktion darauf, wie wenig vorstellbar ein solcher friedlicher, ernster Gedenkmarsch in meinem eigenen Land, den Vereinigten Staaten von Amerika, heute ist. Es gab keine »Sieges«-Märsche, nachdem US-Truppen den Irak zerstörten, keine Siegesmärsche nach Afghanistan, keinen Siegesmarsch nach Libyen. Amerikaner können heutzutage nur Kriegen von Tod und Zerstörung gedenken, Veteranen kommen zurück, gezeichnet von Traumata und Strahlenschäden, die von dereigenen Regierung ignoriert werden.

Diese Veränderung in Amerika hat sich in denselben 70 Jahren seit Ende des Krieges vollzogen, als wir – Amerikaner und Russen, damals natürlich die Sowjetunion – Seite an Seite Hitler und das Dritte Reich besiegt hatten. Heute schlägt sich die Regierung der Vereinigten Staaten auf die Seite von Neonazis in der Ukraine, um Russland zu provozieren.

Ich dachte darüber nach, wie sich meine Landsleute in den paar Jahrzehnten verändert haben. Vom reichsten Land der Welt, dem Zentrum von Erfindung, Innovation, Technologie und Wohlstand haben wir es in 70 Jahren fertiggebracht, unser Land durch eine Truppe dummer, superreicher Oligarchen mit Namen wie »Rockefeller«, »Gates«, »Buffett« und ihren Gehilfen in der Bush-Dynastie ruinieren zu lassen. Diesen narzisstischen Oligarchen war die Größe der Amerikaner herzlich egal, sie betrachteten uns Bürger nur als Plattform, um ihren kranken Traum der Weltherrschaft zu realisieren.

Und wir haben es zugelassen.

Ich sage Ihnen ein Geheimnis, das ich jüngst entdeckt habe. Die amerikanischen Oligarchen sind nicht allmächtig, sie sind keine neuen Illuminaten oder Götter, wie uns manche weismachen wollen. Sie sind nicht allwissend. Sie kommen ungeschoren mit Mord davon, weil wir es zulassen. Wir sind von ihrer Aura der Macht hypnotisiert.  Würden wir uns erheben und sagen: »Diese dummen Möchtegern-Kaiser haben keine Kleider an!«, ihre Macht würde schwinden wie Zuckerwatte in heißem Wasser.

Und genau das fürchten sie. Deshalb schicken sie US-Soldaten nach Texas, um Kriegsspiele gegen US-Bürger zu inszenieren; deshalb zerrissen sie nach dem 11. September die Verfassung und die Bill of Rights. Deshalb schufen sie das Ministerium für Innere Sicherheit. Deshalb versuchen sie, unsere Bürger so in Angst und Schrecken zu versetzen, dass sie sich ungetestete Impfstoffe gegen Ebola und andere Impfstoffe verpassen lassen. Deshalb sind sie darauf versessen, den freien Ausdruck politischer Ideen im Internet zu kontrollieren.

Wenn ich über den heutigen Zustand Amerikas im Vergleich zu Russland nachdenke, kommen mir die Tränen. Die Wirtschaft der USA liegt in Trümmern; sie wurde von den Fortune-500-Unternehmen und Wall-Street-Banken »globalisiert«. Die Industriearbeitsplätze wurden in den letzten 25 Jahren nach China, Mexiko und sogar Russland ausgelagert. Die Investition in die Ausbildung junger Menschen wurde zu einem politisch korrekten Witz. College-Studenten müssen sich bei Privatbanken hoch verschulden, heutzutage mit insgesamt etwa einer Billion Dollar, um ein Stück Papier namens »Diplom« zu erhalten, mit dem sie nach einem nicht existierenden Job suchen können.

Die Mitglieder unserer Regierung in Washington sind zu Serienlügnern geworden, die uns über den Stand der Wirtschaft belügen, seit Präsident Lyndon Johnson während des Vietnamkriegs das Handels- und Arbeitsministerium anwies, nach Möglichkeiten zu suchen, die Zahlen zu fälschen und den inneren wirtschaftlichen Verfall zu kaschieren. Dasselbe taten alle Präsidenten nach ihm, sodass wir heute in einer Märchenwelt leben, wo uns die Mainstream-Medien erzählen, wir befänden uns »im sechsten Jahr des Aufschwungs« und die Arbeitslosigkeit liege nur bei 5,4 Prozent. In Wirklichkeit sind heute mehr als 23 Prozent der Amerikaner arbeitslos, werden aber durch clevere Tricks aus der Statistik hinausdefiniert. Rund 93 Millionen Amerikaner finden keinen Vollzeitarbeitsplatz. Es ist nicht der Fehler von Obama oder Bush vor ihm, von Clinton, Bush sen., Reagan oder Jimmy Carter. Wir selbst sind schuld, weil wir passiv sind, wir haben ihnen die Macht gegeben, weil wir nicht genug an uns selbst geglaubt haben. Wir haben Milliardäre für uns entscheiden lassen, wer unser Präsident sein oder wer im Kongress sitzen wird, weil wir nicht glaubten, dass wir gut seien.

Umgekehrt legen Russen heute einen neuen Optimismus über ihre Zukunft an den Tag, inmitten brutaler westlicher Wirtschafts- und Finanzsanktionen, inmitten eines NATO-Krieges in der Ukraine, der mehr als eine Million russischsprachiger Ukrainer in die Flucht nach Russland getrieben hat, trotz der Dämonisierung ihres Landes in den westlichen Medien. Wladimir Putin ist so ungewöhnlich beliebt – die Zustimmungsrate liegt bei 83 Prozent –, weil er in dem Bewusstsein handelt, diese russische Seele zu vertreten, die Menschen, die gut sind und gerecht, was die große Mehrheit der Russen heute fühlt.

Das zeigte sich in den Gesichtern der Demonstranten vom 9. Mai. Man konnte spüren, dass es Putin auf dem Rednerpodest fühlte, als er in die riesige Menschenmenge blickte. Es war klar, als Verteidigungsminister Schoigu, ein russisch-mongolischer, in Tuwa geborener Buddhist, voller Respekt und Bescheidenheit mit gesenktem Kopf das orthodoxe Kreuz schlug, als er durch den Erlöserturm des Kreml schritt, um seinen Platz an Putins Seite einzunehmen. Viktor Baranets, einbekannter russischer Journalist, schrieb: »In dem Moment fühlte ich, dass Schoigu mit dieser einfachen Geste alle Russen auf seine Seite brachte. In dieser Geste lag so viel Freundlichkeit, so viel Hoffnung, so viel russisches Verständnis des Heiligen.« Die legendäre russische Seele war am 9. Mai zu spüren, sie lebt.

Deshalb habe ich am 9. Mai Tränen vergossen, als ich Hunderttausende friedliche Russen durch ihre Hauptstadt ziehen sah, die Stadt, die die Niederlage von Napoleons und Hitlers Armeen erlebt hat. Ich war tief bewegt, als ich sie langsam, aber zielstrebig auf den Roten Platz neben dem Amtssitz ihres Präsidenten gehen sah, in einer Zeit, wo das Weiße Haus in Washington von Betonbarrieren, Stacheldraht und bewaffneten Wachposten umgeben ist.

Man konnte es in den Augen der Russen auf den Straßen sehen: Sie wussten, dass sie gut waren. Sie waren nicht gut, weil ihre Väter oder Großväter im Kampf gegen die Nazis gestorben waren. Sie waren gut, weil sie stolze Russen sein konnten, stolz auf ihr Land nach all den Verwüstungen der letzten Jahrzehnte, zuletzt durch die US-gestützte Plünderung während der Harvard-Schocktherapie in der Jelzin-Ära.

Ich habe Tränen vergossen für das, was ich in diesen normalen Russen sah, und Tränen für das, was in meinem eigenen Land zerstört worden ist. Wir Amerikaner haben unseren Sinn dafür verloren, dass wir gut sind oder es vielleicht wieder werden könnten. Wir haben akzeptiert, dass wir schlecht sind, dass wir überall auf der Welt töten, dass wir uns selbst und unsere Nachbarn hassen, dass wir Angst haben, dass wir in einem Klima des Rassenkriegs leben, dass wir deshalb von aller Welt verachtet werden.

Wir fühlen uns selbst alles andere als gut, weil wir uns in einer Art Hypnose befinden, in die uns ein paar narzisstische Oligarchen versetzt haben. Eine Hypnose kann man unter den richtigen Bedingungen brechen, wir brauchen nur den Mut dazu aufzubringen.

P.S.: Zum letzten Mal hatte ich im November 1989 bei einem öffentlichen Ereignis geweint, als die Berliner Mauer fiel und Deutsche – aus Ost und West – gemeinsam auf dem Symbol der Teilung durch den Kalten Krieg tanzten. Bei einer Rede vor dem Deutschen Bundestag schlug der Bundeskanzler eine Hochgeschwindigkeits-Eisenbahnverbindung von Berlin nach Moskau vor. Damals war Deutschland nicht stark genug, bedrückt von Schuldgefühlen über den Krieg, um sich dem Druck aus Washington zu widersetzen. Der Architekt dieser Vision, Alfred Herrhausen, wurde von der Rote-Armee-Fraktion aus Langley, Virginia, ermordet. Russland wurde durch die IWF-Schocktherapie und die kriminelle Jelzin-Familie absichtlich ins Chaos gestürzt. Heute besteht für die Welt eine neue, schönere Möglichkeit, Herrhausens Traum Wirklichkeit werden zu lassen – dieses Mal mit Russland, China und ganz Eurasien. Das war so schön an der Parade am 9. Mai.




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