Mittwoch, 20. Mai 2015

Ändere die Welt!: Warum wir die kannibalische Weltordnung stürzen müssen (Video)

Die Kriege sind zurück, Hunger und Not gehören auch in Europa wieder zum Alltag, aufklärungsfeindliches Denken gewinnt an Boden. Die Welt verfügt zum ersten Mal in ihrer Geschichte über die Ressourcen, Hunger, Krankheit, Tyrannei auszumerzen; und doch wird der Kampf um knappe Güter menschenverachtend in immer neuen Dimensionen ausgetragen. Jean Ziegler, der seit Jahrzehnten Elend, Unterdrückung und Ungerechtigkeit anprangert, blickt zurück und befragt sich selbst, was er mit seiner wissenschaftlichen und politischen Arbeit bewirkt hat.
Warum gelang es den Menschen in den westlichen Gesellschaften bisher nicht, ihre inneren Ketten abzuschütteln, die sie hindern, frei zu denken und zu handeln?
Ziegler ruft dazu auf, die Welt zu verändern und zu einer sozialen Ordnung beizutragen, die nicht auf Beherrschung und Ausbeutung basiert. Seine Hoffnung richtet sich auf eine neue weltumspannende Zivilgesellschaft, die antritt, die Ursachen der kannibalischen Weltordnung zu bekämpfen.
Jeden Tag müssen unzählige Menschen auf dieser Welt sinnlos verhungern. Was uns von diesen Elenden trennt, ist lediglich der Zufall der Geburt. Obwohl wir das wissen, und oft auch ein schlechtes Gewissen dabei haben, finden wir in der Regel doch nicht die innere Kraft, dagegen aufzubegehren. Genau das will Jean Ziegler mit diesem wichtigen Buch ändern. Er möchte nämlich zeigen, dass wir durchaus nicht so ohnmächtig sind, wie wir das selbst glauben oder uns einreden wollen, nur um unser Gewissen zu beruhigen.
Es gibt kein Naturgesetz, dass uns zwingt, uns der neoliberalen Wahnidee zu unterwerfen die sagt: Wirtschaft , politisches Geschehen gehorchen unabänderlichen Gesetzen, unsichtbare Marktkräfte entscheiden über das Schicksal der Menschen und Völker. Denn die Menschheit verfügt heute längst über das Wissen und die Ressourcen, um Hunger, Unterdrückung und Tyrannei zu beenden. Aber was fehlt ist ein gemeinsames Identitäts,- und Solidaritätsbewusstsein, welches bei den meisten Menschen durch die neoliberale Wahnidee verschüttet wurde und erst wieder freigelegt werden muss. Ziegler plädiert deshalb für eine weltweite, vernetzte Zivilgesellschaft.
Und um hier eine kritische Masse zu erreichen, die Veränderungen erzwingen kann, appelliert der Autor an jeden Einzelnen von uns. “Ändere die Welt” heißt deshalb auch der Buchtitel. “Alles was das Böse braucht, um zu triumphieren, ist das Schweigen der guten Menschen” zitiert er den Philosophen Burke. Natürlich haben die Wenigsten Zugang zu den Schalthebeln der Macht. Aber jeder hat die Möglichkeit, einen (seinen) Beitrag dazu zu leisten, den Entscheidungsträgern klar zu machen, dass es nicht wie bisher weitergehen kann.
Und Ziegler führt auch konkrete Beispiele dafür an, wie man in kürzester Zeit Millionen vor dem Hungertod bewahren könnte. So plädiert er etwa für das Verbot von Börsenspekulationen auf Grundnahrungsmittel wie Mais, Getreide oder Reis. Er schreibt: “Millionen Menschen in der Dritten Welt, wo die Mutter mit sehr wenig Geld die Nahrung kaufen würde, wären gerettet”. Ein anderer Vorschlag von ihm ist die Totalentschuldung der ärmsten Länder der Dritten Welt, damit in Schulen und Krankenhäuser investiert werden kann, anstatt dass diese von den Auslandsschulden erdrückt werden.
Video: Jean Ziegler auf dem blauen Sofa zu “Ändere die Welt!” 14.03.15



„Der Kapitalismus setzt die Warenbeziehung als universelle Beziehung durch“
Das ist einer der Kernsätze Zieglers und genau jene „Kannibalisierung der Welt“ durch das neo-liberale Verständnis des Kapitalismus, welches Ziegler als durchgehend „an der Macht“ kennzeichnet.
Eine Entäußerung aller sozialer und individueller Freiheiten und Möglichkeiten, die im Lauf der letzten Jahrhunderte teuer gerade in Europa erkauft wurden und in den letzten Jahren, seit dem (auch in Zieglers Augen gerechtfertigten) Zusammenbruch des „realen Sozialismus“ als Teil eines „bipolaren Systems“ 1991 rasant voranschreitet.
Während zu Zeiten der „Blöcke“ noch eine gewisse Angst und Zurückhaltung auf Seiten des enthemmten Kapitals herrschte (es bestand ja die Gefahr der Revolution zum „anderen System hin“), entfällt dieses (mangelhafte, aber vorhandene) Korrektiv seit 1991 nun.
Mit weitreichenden Folgen. Die Ziegler ruhig und sachlich beschreibt. Allein schon die „Rückkehr des Hungers nach Europa“ führt hier dem Leser vor Augen, was die realen Folgen der aktuellen „Weltordnung“ sind.
Eine reine Funktionalisierung des „Faktors Mensch“ auf den Faktor „Waren- Produktionszeit“, das menschliche Sein durchdekliniert im Sinne der Wirtschaft auf seinen „Tauschwert“. Bis hin zu durchgehend weiterer „Drängelei“, alles zu „privatisieren“ und damit als Gewinnmöglichkeit zu sichern, was nur denkbar ist.
Die „beschleunigte Akkumulation und die kontinuierliche Profitmaximierung“ entfremdet „alles von allem und jeden von jedem“. Womit Ziegler wie nebenbei auch die Folgen für die „Besitzer der Produktionsmittel“ selbst herausstellt.
Aktuell am Niedrigzins zu erkennen ist, wie ein Finanzsystem sich in dieser Hinsicht so gut wie selber zerlegt, weil die Firmen aufgrund der Rücklagen keine Kredite mehr benötigen und damit selbst „Geld“ als „reale Ware“ kaum mehr gefragt ist und nur noch der virtuellen Vermehrung eines abstrakten Profits zugeführt wird.
Und der Mensch, die Menschheit, zunächst die ärmeren Teile der Welt, zunehmend aber auch die „Kernzonen“ des Wohlstandes bleiben auf der Strecke.
Massenarbeitslosigkeit, die Wertlosigkeit des eigenen Lebens im Sinne eins „Tauschmittels“, zunehmend Mangel, realer Hunger, sich auflösende Sozialgemeinschaften, all das kennzeichnet Ziegler als Folge der „modernen“ Auffassung von „Leben als Gewinnstreben“ und neo-liberaler „Entgrenzung“ des Marktes.
Im Sinne Adornos stellt Ziegler somit eine „Entäußerung“ des Menschen fest. „Sich freiwillig von seiner eigenen Substanz trennen“.
Konstruktiv betont Ziegler auf der anderen Seite seinen Glauben an die „Kraft des Verstandes“, an die Rolle, die Universitäten, Kunst und Kultur noch spielen könnten, trotz der „Kraftlosigkeit“ von alternativen Staatsmodellen.
Und wird nicht müde, nicht nur in diesem Buch, mit aufrüttelnden Worten und klugen Analysen das Ungleichgewicht der Welt mitsamt seinen selbstzerstörerischen Gefahren zu benennen.
Auch wenn es kaum „einfach so“ umsetzbar erscheint, auch wenn oppositionelle Bewegungen in den letzten Jahren schnell an Kraft verlieren und auch wenn das vorherrschende gesellschaftliche Bild weltweit als „Rückkehr des Gladiators“ tatsächlich bezeichnet werden kann (der Stärkere gewinnt in der Arena des Profits, ohne Rücksicht auf Verluste und ohne an die Wechselseitigkeit von Beziehungen zwischen Menschen auch nur einen Gedenken zu verschwenden), es ist und bleibt wichtig, dass Menschen wie Ziegler nicht müde werden, den Finger in die Wunde zu legen.
Ein kluges Buch, das in aller Breite die aktuelle Lage, den Niedergang des Sozialen und die Möglichkeiten der Veränderungen vor Augen führt. Und das in praktischen Beispielen am Ende aufzeigt, dass es tatsächlich ganz real noch anders geht und ginge. Sich in kleinen Schritten Sinn und Solidarität zurück zu erobern.
Eine bessere Welt mit weniger Hunger und Elend ist möglich, wenn sich jeder seiner Kraft und Verantwortung bewusst wäre, dazu seinen Beitrag zu leisten!
«Wanderer, es gibt keinen Weg, den Weg machen deine Füsse selber.”
Antonio Machado
Literatur:
Quellen: Jean Ziegler/randomhouse.de/PublicDomain vom 18.05.2015

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